Carl-Auer-Verlag 2018
Carl-Auer-Verlag 2018

Rolf Arnold – Ach, die Fakten

 

Erweiterung des „starken Denkens“

 

Im größeren Rahmen der Reihe „Systemische Horizonte“, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, das „Querdenken“, das „wilde Denken“ im Rahmen des systemischen Ansatzes zu fördern, legt Rolf Arnold mit diesem Essay einen wichtigen und hoch interessanten Moment der Erweiterung des Denkens, im Übrigen auf keinen Fall nur für das systemische Feld, vor.

 

Umgehend nämlich tritt bei ihm die wohl brisanteste Grundfrage der Gegenwart in den Raum. Warum es überhaupt „Mode“ zu sein scheint, „Fakten“ eher randläufig, eher als „lästig“ zu bewerten und, genauer noch auf den Punkt gebracht, warum es eben nicht erfolgversprechend ist, mit objektiven Fakten gegen eine eher subjektive Befindlichkeit angehen zu wollen.

 

Das Gegenteil des Gewünschten ist nämlich, nicht nur offenkundig, sondern auch im theoretischen Blick, der Fall. Fakten, seien sie auch noch so objektiv belegbar, führen nicht zu einer Veränderung des „anderen Handelns und Denkens“, sondern zu einer noch klarer feststellbaren Verhärtung der Fronten und den Fakten gegenüber.

 

Wie aber ist der „Geist der Aufklärung“ und damit des, wie Arnold es, natürlich hoch bewertend, bezeichnet, das „starke Denken“ (einer freiheitlichen Geisteshaltung, die möglichst tief die Fakten jeder Sache und die Kraft jeden Argumentes bedenken will) gegen das „schwache Denken“ eines eher rein emotional gesteuerten „Populismus“ zu erhalten oder, je nach Sichtweise, zu „retten“?

 

Indem, und das führt Arnold nicht als erster, aber doch frisch und noch neunwirkend ein, nicht nur die „Faktenlage“, sondern auch die emotionale Lage miteinbezogen werden muss.

 

„Überhaupt bleibt die Frage nach dem persönlichen – biografisch-emotionalen – Subtext der wissenschaftlichen Beobachtung bei der Debatte über die Fakten weitgehend ausgeblendet“.

 

Ein entscheidender Fehler, wie Arnold konstatiert. Denn am Ende entscheidet eben nicht, zumindest nicht alleine, die Faktenlage, sondern das, was nach reiflichem Bedenken Fakt ist (oder zumindest sein könnte), muss auch beim „Anderen“ ankommen können, ausgehalten werden können, es müssen Wege zueinander gefunden werden.

 

Wie schon Watzlawick in der Erforschung der Grundlagen der Kommunikation verdeutlichte: Das Entscheidende der Kommunikation geschieht nicht auf der „Sach-Ebene“ (Syntax), sondern auf der Ebene der „emotionalen Bedeutung“ (Semantik).

 

Dieses Wissen greift Arnold auf und fügt es ergänzend zu dem, natürlich ebenfalls wichtigen, Ringen um die Wahrheit und die Feststellung und Geltung von Fakten hinzu. Mit der Erkenntnis, die auszuhalten ist, dass jeder, auch Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen, „lediglich Beobachter und Beobachterinnen (sind), die die Welt kaum anders in den Blick zu nehmen vermögen als in der Weise, in der sie gelernt haben, die Welt zu betrachten…..“.

 

Was dabei zunächst wie ein „Rückschritt“ von der „objektiven Ebene der Fakten“ auf die persönliche Ebene der subjektiven Sicht und Befindlichkeiten wirkt, entfaltet sich in der Argumentation Arnolds überzeugend zu einer Stärke, eben zunächst die Grundlagen jeden Austausches über „Fakten“ unter die Prämisse der „Verstehbarkeit“ zu stellen. Hier dann werden Brücken und Verbindungen möglich, wo solche noch erbaubar sind, hier aber auch werden eben auch Haltungen offenkundig für alle Betrachter, die jeden Draht im Gespräch zu kappen gedenken und damit auch keine „Gesprächspartner“ als „gemeinsame Suche“ mehr zulassen, sondern ganz anderen Interessen folgen. Dieses „sich verwehren gegen alles andere“ zu entblößen ist damit auch eine Möglichkeit, die Arnold deutlich eröffnet.

 

Grundlegend wichtig bei diesem Prozess ist damit auch und vielleicht zuallererst die eigene Reflexion. Denn ansonsten wird nur „reproduziert“, was an „eigener Sicht der Dinge“ als Fakt dann dargestellt wird.

 

So dass die „Ratio“ gebunden ist und bleibt an das „Menschsein“ (Konstantin Wecker). Eine „Bildungsaufgabe“ und eine Kultur- und Politikfrage, die Souveränität ebenso ausbildet und erfordert, wie objektives Denken und kommunikative Fähigkeiten, basierend auf einer Haltung des Verstehens auch und gerade emotional „aufgeheizter“ Gesprächsatmosphäre gegenüber.

 

Mit klarer Gliederung und klaren Schritten gegen „ein schwaches Denken“ bietet Arnold ganz eindeutige Möglichkeiten und Instrumente, die Aufklärung ganz praktisch anzuwenden.

 

 

Ein sehr interessantes Essay mit einer erweiterten Sicht auf vielfache Diskussionen und / oder „Shitstorms“ und Populismen der Gegenwart.

 

M.Lehmann-Pape 2018