DVA 2016
DVA 2016

Rolf Bauerdick – Wenn Gott verschwindet, verschwindet der Mensch

 

Religiöser Glaube als notwendiger, dynamischer Prozess

 

Zwei gegensätzliche Ideen christlicher Identitätsbildung zunächst stellt Bauerdick vor die Augen des Lesers.

 

 Einerseits die Haltung einer gewissen behäbigen Traditionsverwurzelung und dogmatischen Ausrichtung, anderseits die Haltung eines sich „Abarbeitens“ im Sinne eines sich „kritischen Einmischens“ in die Konflikte der Geschichte und Gesellschaft. Und klar ist, dass Bauerdick sich auf diese zweite Glaubenshaltung konzentriert und damit wiederum jenen der Leser Recht gibt, die sich an verkrusteten Strukturen und rein äußerlichem Habitus der verfassten Religionen (zu Recht) stören.

 

Andererseits eröffnet Bauerdick damit auch einem anderen, lebendigen, dynamischen Verständnis des Glaubens eine Tür, die interessant zu betrachten vorliegt und für die die Motivation durch das Buch durchaus vermittelt wird, einmal durch diese Tür zu treten und diese Form des Glaubens „zu wagen“. Eine Form, in der dogmatische Lehrsätze keinen Ewigkeitscharakter in sich tragen, sondern dynamische Entwicklungen je für die konkrete Zeit neue, andere, wiederentdeckte Wahrheiten nach vorne rücken können, dürfen, ja sollen.

 

Allerdings, und genau dafür bricht Bauerdick Seite für Seite eine Lanze, in Bezug auf eine eigene, zu entfaltende, wichtige persönliche Spiritualität. Diesen „Acker des homo religius“ sieht Bauerdick in der Gegenwart hochgradig gefährdet, in der der Mensch sich mehr und mehr unwidersprochen und ohne Korrektiv zum Maßstab setzt und damit nicht nur eine Individualisierung ihren Lauf nimmt (mit positiven wie negativen Folgen), sondern eine Ego-Zentrierung, die eben nicht nur „den Glauben“ aus dem Blick verliert, sondern, damit einhergehend, auch „den und die anderen“.

 

„Nur sterben Fragen nicht, wenn alle Antworten sich als falsch erweisen (vom Gottesbeweis bis zum radikalen Atheismus ist alles persönliche Glaubenssache und bar jeder objektiven Beweise), sie sterben, wenn sie niemand mehr stellt“.

 

Jene Fragen nach einem höheren Wert oder einer höheren Form der Existenz, die sich eben nicht mit dem Erwerb der neuesten Handygeneration abspeisen lassen würde und daher lieber erst gar nicht mehr formuliert werden.

 

So kommt es, dass „Kirchen wie entlaubte Bäume in unserer postmodernen Landschaft stehen“ und nur mehr ein Randdasein führen. Selbst bei gefüllten Gemeinden eher die „Geselligkeit“ Motivator ist, denn ernsthafte Fragen nach der persönlichen Rolle im großen Geflecht der Unendlichkeit.

 

Und dennoch bleibt die „Sehnsucht des Herzen nach der Freiheit des inneren Menschen“. Und, folgt man Bauerdick (und dem eigenen Menschenverstand), dann ist zumindest klar, dass Konsumgüter diese Frage nicht beantworten können, sondern nur als mangelnder Ersatz für kurze Zeit die bohrenden Fragen nach Sinn und Wert der eigenen Existenz zum Verstummen bringen.

 

Wobei Bauerdick im weiteren in bester Weise eben nicht apologetisch vorgeht, nicht alte, „glaubensfeste“ Zeiten heraufbeschwört und dahin „zurückzwingen“ will, sondern auch diesen aktuellen Zustand als Teil der Geschichte des Menschen mit Gott begreift und in der „Freiheit von Gott, den Dogmen und tradierten Gewissheiten“ tauchten neue Möglichkeiten auf.

 

„Nie waren wir freier, in der Erfahrung des Verlustes nach Gott zu fragen“. Und eben nicht vorgefertigte oder eigene rigorose „Glaubenswahrheiten“ sklavisch befolgen zu müssen.

 

Aber diese Frage muss dann schon gestellt werden.

 

Eine Haltung, die sich in Aufbau und Inhalt des Buches widerspiegelt, mit der Bauerdick viele Geschichten aus dem Leben erzählt und immer wieder „gegen den Strich“ denkt und damit immer wieder den Leser aufmuntert, motiviert, provoziert, anders und neu zu denken über Gott, die Welt und sich selbst?

 

„Was, wenn die Menschwerdung Christi nicht ein „Herabsteigen“ Gottes wäre, sondern aus seiner Sicht ein „Aufstieg“ Für Gott die einzige Möglichkeit, sich von den beklemmenden Zwängen der Ewigkeit zu befreien“?

 

Eine ganz andere Frage, ein ganz anderes Herangehen. Allerdings im Gesamten auf klar erkennbar theologischer Ebene vorgebracht, so dass, wenn es um Feinheiten der Omnipräsenz und anderer christlich-religiöser Grundfragen geht, für den Laien ein konzentriertes Lesen und eine gewisse Abstraktionsfähigkeit notwendig zum Verständnis sind.

 

Eine sehr empfehlenswerte Lektüre in einer „Fragenlosen“ Zeit.

 

 

M.Lehmann-Pape 2016