S.Fischer 2013
S.Fischer 2013

Salman Ansari – Rettet die Neugier

 

Für einen eigenen Maßstab beim Lernen mit Praxisanleitung

 

Die Bildungsdiskussion ist in vollem Gange, das Schulsystem steht auch politisch unter Reformbedarf, von G8 bis zur Gemeinschaftsschule reichen die Einlassungen der verschiedenen Bundesländer. Da wundert es nicht, dass sich auch die Literatur zum Thema in letzter Zeit häuft und eine ganze Reihe von Anstößen und Vorschlägen aus verschiedenen Richtungen von verschiedenen Autoren nun vorgelegt werden.

 

Das zentrale Thema, dem Salman Ansari aus seiner Sicht her begegnen will, lässt sich mit dem Stichwort „Bildungsballast“ benennen. Nicht „zuwenig“, sondern eher „zuviel“ an , vor allem vorgegebenem, Lernstoff sieht er auf die Schüler schon früh zukommen. Wobei dies eine gesamtgesellschaftliche Haltung zu sein scheint. Gerade auch Eltern legen in immer größerer Zahl Wert auf „Frühförderung“, das Quantum an „mehr Wissen “ schon zu Kindergartenzeiten, von dem man sich den entscheidenden Vorteil „für später“ verspricht.

 

Ins Positive gekehrt stellt das Buch ein Plädoyer für eine (auch) „eigenständige Eroberung und Erforschung der Welt“ durch Kinder dar. Und einsichtig ist das schon, wie Ansari hintergründig logisch bei der Lektüre die „Milchmädchenrechnung“ mitlaufen lässt, dass, je mehr an Stoff, Schule und vorgegebenem Lernen für Kinder und Jugendliche im Raume steht, desto höher auch der Zeitdruck und desto weniger Zeit für eigene Erforschungen und Aneignungen der Welt, das Ausleben der natürlichen Neugier (Exploration) verbleibt.

 

Ein Vorgang allerdings, den Ansari zentral für das „eigentliche“ Lernen ansetzt und den er daher für fundamental in der Entwicklung zum erwachsenen Menschen her betont.

 

„Die Überwindung naiven Vorstellungen gelingt erst durch eine selbstständige Konstruktion von Konzepten und deren Anwendung auf neue Problemstellungen, um bisher unbekannte Zusammenhänge zu entdecken“ Mit der Betonung auf „selbstständige Konstruktion“.

 

So wäre der pädagogische Ansatz, den Ansari vertritt (und der eine weitreichende Reform des aktuellen Status quo nach sich ziehen würde): „Ein zentrales Anliegen meiner Arbeit mit Kindern besteht darin, dass ich für sie Erfahrungsmöglichkeiten biete, die ihnen helfen können, handelnd ihre naive Vorstellungen selbstständig zu korrigieren“.

 

Es geht eben nicht darum, Kinder schon im frühesten Alter als „zu Belehrende“ im Lehrstoffsinne einzuordnen, sondern den nötigen Freiraum für ein (durchaus auch angeleitetes) „Entdecken der Welt“ nach je eigener Geschwindigkeit, Neigungen und Interessen, vertrauend auf die dem Menschen innewohnende Neugier, einzuräumen.

Übrigens auch im „öffentlichen Raum“. Ansari verweist zu Recht darauf, wie wenig öffentliche Spielflächen, Spielplätze und allgemein kindgerechte Räume noch öffentlich anzutreffen sind. Eine Beobachtung, die jeder nachvollziehen kann und die sich nicht zuletzt in der Verbreitung von professionellen „Indoor“ Spielangeboten manifestiert.

 

Alles in allem liest sich das Buch kompetent und gut. Ansari stellt klare Fragen und klare Entwicklungen dar, die zwar verschieden bewertet werden können, aber faktisch deutlich aufzeigen, dass eine „Kindheit“ wie sie vor wenigen Jahrzehnten noch gang und gäbe war, kaum mehr möglich ist. Das Plädoyer für „weniger Lehrstoff und Lernstruktur“ und „mehr Freiraum“ ist ein zu bedenkendes Element in der allgemeinen breiten Reformdiskussion.

 

Zudem geht Ansari konkret und vertieft in einzelne „Experimente“ und eine Darstellung konkreter „Erfahrungsinhalte“.

In Teilen bietet sich das Buch somit eine „Praxisanleitung für Erzieher“ mit „Forschungsprogrammen“, genauen Erklärungen von Abläufen zu kreativer Erforschung samt Bildmaterial. Damit festigt und illustriert Ansari seine allgemeinen Einlassungen mit einem „so wird´s gemacht“.

In den allgemeinen Beobachtungen und Folgerungen eine sehr bedenkenswert Lektüre.

 

M.Lehmann-Pape 2013