Oldenbourg 2013
Oldenbourg 2013

Sarah Zalfen – Staats-Opern

 

Kulturelle Zeitenwenden im Blick auf die Staatlichkeit

 

Natürlich ging und geht es nur vorrangig um das liebe Geld. Denn dahinter steht letztendlich auch die Frage nach dem, was Kultur dem Staat und damit der Gesellschaft wert ist, wie sich Kultur organisiert, finanziert und sich im Umgang mit der Kultur sich die verändernde „Staatlichkeit“ immer mit abbildet

 

Die Schneisen, die im Lauf der letzten Jahre in den staatlichen Kulturbetrieb geschlagen wurden, haben immer wieder für heftige öffentliche Diskussion gesorgt, bei Kürzung der Mittel oder Aufgabe von Spielstätten oder Entlassung ehemals staatlich geführter (kleiner und größerer) Häuser in die „marktwirtschaftliche Unabhängigkeit“.

 

Sara Zalfen nun greift aus dieser durchaus breiten Entwicklung eines der vorrangigen Themen heraus, dass der Entwicklung der Staatsopern. Immer schon hoch defizitär, seit Bestehen der Staatsopern eine zentrale Stelle staatlicher Kulturarbeit. Im Blick auf die Opernhäuser in Berlin, London und Paris setzt sie damit auch den „Wandel von Staatlichkeit“ zum Schwerpunkt ihrer Betrachtungen.

 

„Sie singen wieder, aber sie singen auf einem Vulkan“.

 

So formuliert Zalfen trefflich in einen Satz hinein den aktuellen Stand der Entwicklungen. Aus einer gesicherten Finanzierung heraus, die über Jahrzehnte für einen gesicherten, aber auch bequemen Spielbetrieb gesorgt haben. Denn auch heute gilt, nach allen Reformen und Neuausrichtungen, nach auch allen Privatisierungen: die Entwicklung wird im Fluss bleiben. Allein schon aufgrund der Demographie, wie Zalfen ausführt. Denn jene Bevölkerungsgruppe, die über ebenfalls Jahrzehnte hinweg  die Opernhäuser besucht hat, wird weniger, die Alterstruktur der Besucher höher und damit die (neuen) Probleme der bereits nahen Zukunft sichtbarer.

 

Wie aber hat sich das „Staatsopernwesen“ in den letzten Jahren gewandelt, „wie stellt sich die „politische, strategische und diskursive Dynamik“ dar? Das sind die leitenden Fragen dieser Dissertation und zugleich auch die Fragen, die sich in Zukunft weiter stellen werden.

 

Von der „Ökonomie und Ökonomisierung der Oper“ über die „gesellschaftliche Funktion der Oper“ bis hin zur Darstellung der „Oper im Spiegel neuer Repräsentationsstrategien“ reichen dabei die Hauptteile der Darstellung. Bei der vor allem natürlich der letzte Teil der „neuen Strategien“ für die aktuelle Diskussion und die mittelfristige Zukunft  der Oper als „Kultur- und Pluralismusträger“ wichtige Gedanken transportieren.

Wobei Zalfen hier in bester Weise nicht im engeren Gebiet der Oper alleine stehen bleibt, sondern kritisch auch die „ästhetischen Neutralisierungsstrategien des demokratischen Staates“ aufarbeitet. In Reibung mit der (immer schon) elitären Struktur des Opernwesens. Man kann zudem durchaus „mit der Oper Staat“ machen, man kann durch die Wahl des Ortes, der Architektur von Neubauten und der Setzung ästhetischer „Haltungen“ in die Gesellschaft hineinreichen und damit dem „Demokratisierungsparadoxum“ gerade der Oper den Raum der öffentlichen Diskussion eröffnen.

 

„Oper“ ist feststellbar deutlich mehr als ein „Musikstück“, sondern in ihrem Betrieb, in ihrer Finanzierung, in ihrem Stellenwert, in ihren demokratischen Öffnungen (oder eben elitären „Verschlüssen“) Ausdruck und Teil kulturell-gesellschaflticher Entwicklungen.

Sehr gut arbeitet Zalfen hierbei heraus, wie Opern einerseits „subventionierte und institutionalisierte Teile staatlicher Strukturen sind“, genauso, wie „Verweisungssymbole des Staates“. So ist es einsichtig dargestellt, dass das Staatsopernwesen den Veränderungen von Staat und Staatlichkeit unterworfen war und ist. Die Schritte dieser Veränderungen, die in den letzten Jahren zu breiten Krisen führten, sind im Buch nachvollziehbar und verständlich abzulesen. Mit der wichtigen Folgerung, dass die „Ökonomisierung“ nicht per se als „der Feind „guter“ Kultur““ gelten kann und darf, sondern auch ein notwendiger und folgerichtiger Prozess des gesellschaftlichen Wandels ist.

 

Eine fundierte und durchaus spannende Auseinandersetzung mit der Entwicklung der Staatsopern der letzten Jahre, die aufzeigt, wieweit sich gesellschaftliche und staatliche Veränderungen mit der kulturellen Ebene bedingen und diese beeinflussen, wie aber auch je neuen Herausforderungen konstruktiv begegnet werden kann.

 

M.Lehmann-Pape 2013