C.H.Beck 2014
C.H.Beck 2014

Scott Stossel – Angst

 

Über den Umgang mit einem fundamentalen Gefühl

 

Harvard Absolvent, erfolgreicher Journalist, gesundes  Privatleben, Anerkennung.

Wenn einer als „in der Mitte der Gesellschaft angekommen“ bezeichnet werden könnte, dann sicherlich Scott Stossel.

 

Wenn da nicht die andere Seite wäre. Eine innere Seite. Ein immenser Berg der Angst. Oft irreal, teils fast surreal aber vorhanden und lange Zeit lebensbestimmend.

Eine innere, bebende Verfassung, von der Stossel sich lange Zeit nicht frei machen könnte, die ihn bereits sein ganzes Leben von Kindheit an begleitet hat.

 

Hier spricht jemand, der einerseits genügend Bildung und Distanz aufbringen kann, um sehr reflektiert und mit Wissen über dieses Grundgefühl der Angst zu sprechen und zugleich jemand, der aus Erfahrung heraus dem  Leser die Folgen, Möglichkeiten, das Niederdrückende, aber auch die Chancen des Gefühls der Angst vor Augen führen kann.


Was Stossel in bester Weise, gleichermaßen informativ wie atmosphärisch dicht im Buch vollzieht und durch die vielfachen persönlichen Illustrationen eben kein „Fachbuch“ auf abstrakter Ebene vorlegt, sondern einen fachlich reflektierten, persönlichen Bericht.

 

Was sind die lähmenden Folgen, wenn die Angst die Oberhand gewinnt, wie fühlt sich das an und, vor allem, welche Wege sind möglich, der Angst in diesem überwältigen Maße Herr zu werden? Fragen, denen Stossel akribisch nachgeht und die er verständlich formuliert zu schildern versteht.

 

Intensiv zunächst versteht Stossel es, das eigene Ausgeliefertsein aufzuzeigen. Jener Zustand, den sich niemand wünscht, den man nicht haben möchte, gegen den das eigene Ego jedoch völlig machtlos zu sein scheint, weil eine tiefere Ebene die Führung der eigenen Person übernommen hat.

 

„….kämpfe ich gegen drei Symptome an: das Schlottern meiner Glieder, den Brechreiz und die drohende Ohnmacht. Und die ganz Zeit denke ich: Nur raus hier. Ich habe meinen Körper nicht mehr im Griff. Obwohl dieser Anlass einer der glücklichsten meines Lebens ist, bin ich ein Häuflein Elend“.

 

Wie in Wellen kommt die Angst, oft auch in Momenten, die im eigentlichen Sinn nichts furchteinflößendes an sich haben und daher nichts fassbares dem Verstand in die Hand geben.

 

Was Angst genau ist, welche Formen sie annehmen kann (vor allem in der „Leistungsangst“ jedweder Natur, oder auch der „Trennungsangst“), was die Genetik damit zu tun hat, welchen Schaden (und Nutzen) Medikamente hier auch anrichten könnten, wie ein ganzes „Zeitalter der Angst“ unmerklich auch die westliche Kultur in ihrer Breite langsam und unterschwellig bestimmt (und zu „ständigen Leistungen“ in ungesunder Weise „anspornt“), all das kann der Leser sehr persönlich illustriert und dennoch  vor allem sachgerecht im Buch nachlesen.

 

Allein schon die Rückblicke in die Kindheit des Autors und die Darstellung seiner massiven Trennungsangst (zunächst in Bezug auf seine Eltern) und das, was da alles an irrationalen Handlungen und Fantasien ablief, stößt auch im Leser alte Erinnerungen wieder an und erzeugt eine emotionale Nähe, die für das Verständnis Stossels wichtige Bedeutung hat.

 

Nun trotz solcher „Erschütterungen“ voran zu schreiten, die Fähigkeit zu entwickeln, Angst zu tragen (nicht sie auszumerzen, das geht erstens nicht und würde auch die wichtigen Funktionen der Angst ausschalten mit Gefahren für das gesamte Leben), das ist die wohl wichtigste Basis für ein Leben, das sich selbst verwirklicht. Denn jeder Entwicklungsweg führt zunächst auf „noch unbekanntes Gebiet“ und damit ins Risiko.

 

„Normale Angst“ hingegen ist eine Stimulation, die in reflektierter Weise das Leben voranbringen will und kann. Stossel erläutert ruhig jene Aspekte, die „für die Angst entschädigt) und erläutert seine Wege zu einer Reduzierung der Angstzustände.

 

Das dies bei übermäßiger Angst nicht ohne professionelle Hilfe funktioniert, auch davon erzählt Stossel und erläutert den Rahmen einer „Hilfe, die wirklich hilft“.

Mit dem Ziel, eine notwendige Resilienz durch das Versehen seiner selbst sich anzueignen.

 

 

Ein spannendes, intensives Buch über ein existenzielles Grundgefühl, das jeden Leser in der ein oder anderen Weise anzusprechen versteht und über den persönlichen Rahmen hinaus in Teilen auch auf eine „kulturelle Angst“ verweist, die an manchen Stellen beginnt, kollektiven Einfluss auf die Lebens- und Weltgestaltung zu nehmen.

 

M.Lehmann-Pape 2014