DVA 2016
DVA 2016

Sheldon Solomon, Jeff Greenberg, Tom Pysczynski – Der Wurm in unserem Herzen

 

Existenziell wichtig

 

„Plötzlich sahen wir eine Möglichkeit, zu verstehen, warum wir so verzweifelt nach Selbstachtung gieren und warum wir Menschen, die anders sind als wir, fürchten ablehnen en und manchmal sogar zu vernichten suchen“.

 

Und mehr noch entdeckten die drei Soziologen auf dem Weg ihrer empirischen, immer wieder von praktischen Experimenten mit Probandengruppen begleiteten, Forschung über das, was das „Wissen um die eigene Sterblichkeit“ im Menschen für Folgen hat für jede, tatsächlich jede seiner Entscheidungen, seiner Haltungen, seiner Reaktionsweisen.

 

Schon Sigmund Freud hat den Antrieb des Menschen auf im Kern zwei Impulse eingekreist, die Angst vor dem Tod und der Drang nach Sexualität.

 

Doch was die drei Autoren hier als Ergebnis ihrer jahrelangen Forschung vorlegen, scheint darauf hinzuweisen, dass der Mensch im Kern von nur einer radikalen Grundangst angetrieben wird. Der Angst vor dem Tod, dem eigentlich unerträglichen Wissen um die eigene Sterblichkeit. Überzeugend argumentiert, immer und in jeder der Thesen praktisch überprüft, es fällt schwer, die Ergebnisse im Buch einfach zu ignorieren und zur Seite zu legen.

 

Genauso schwer aber fällt es, den Grundgedanken stringent zu folgen und damit jede Ideologie, jede Religion, jede Handlung, selbst die Mode und die Lust an Tätowierungen in der Moderne, die Unterdrückung Andersdenkender und Andersartiger, die Herabwürdigung der Frau in bestimmten Kulturen und Situationen immer wieder darauf allein zurückgeführt vorzufinden, entweder tatsächlich, leiblich „unsterblich“ sein zu wollen, oder zumindest „symbolisch“ als Teil einer „größeren, dauerhaften Bewegung“ Unsterblichkeit anzustreben oder das Ganze mit der Sterblichkeit schlichtweg zu ignorieren und dabei alles, was einen daran erinnern könnte, zur Not auch mit nackter Gewalt zur Seite zu schieben, zu verunglimpfen, auszumerzen.

 

Denn, und das ist, was im Hintergrund der Lektüre beständig abläuft (hinter all den sehr verständlichen, ruhigen und sachlichen Darlegungen), das Buch hält während der Lektüre unmissverständlich dem Leser bewusst vor Augen, dass auch er sterben wird. Und welche „Tricks“ der Leser dabei anwendet, diesem angstvollen Wissen alltäglich „entkommen zu wollen“.

Die „Terror Management Theorie“, welche die drei Autoren im Buch ihrer Arbeit zu Grunde legen, die sie ausführlich beschrieben und in vielfachen Beispielen und praktischen Verweisen am Leben selbst nachweisen und offen legen ist nicht schwer zu verstehen, aber ebenso nicht einfach zu ertragen.

 

Sowohl die Prinzipien der Theorie werden dabei erläutert, wie auch die beiden „Säulen unserer Versuche zur Beherrschung unserer Todesfurcht“, das je individuell im Kollektiv angebundene kulturelle Weltbild und das eigene Selbstwertgefühl (das nicht nur durch das Wissen um den Tod von außen oft in Frage gestellt wird).

 

Dieses „Nicht mich! Nicht jetzt!“ als Ausruf im Anblick der Nähe des Todes, dass ist die Kraft, der Impuls, die Urangst, die Menschen zu allem antreibt, was sie tun, die sich hinter allen kulturellen, ideologischen, religiösen Haltungen ausmachen lässt und die auch im Alltag die Haltung des Einzelnen den Ereignissen gegenüber tief bestimmt, so die Folgerung der Autoren im Lauf ihrer Darlegungen,

 

Gesundheitswahn einerseits, das ständig ängstliche Vermeiden von Risiken, ebenso wie der dringende Wunsch, zumindest als Person zu überleben im kollektiven Gedächtnis der anderen, wenn der Leib es schon nicht schafft, je mehr man sich in die Lektüre vertieft, desto klarer wird der Eindruck, dass hier tatsächlich eine Art „Generaltheorie“ formuliert wird, die das Sein des menschlichen Lebens in seinen Grundlagen überaus griffig erläutert.

 

Eine überaus gehaltvolle, wichtige, zentrale, emotional existenziell treffende Lektüre und ein fulminantes Ergebnis einer langjährigen, wohl erstmaligen Erforschung der Bedeutung dessen, dass der Mensch weiß, dass er sterblich ist.

 

 

M.Lehmann-Pape 2016