Hanser 2013
Hanser 2013

Shereen El Feki – Sex und die Zitadelle

 

Sexualität in islamischer Gesellschaft

 

Mehr als vielfache und kolportierte Vorurteile (Harem, Männer wie sie wollen, Frauen werden gesteinigt, Jugend hat enthaltsam zu sein, Körper komplett verhüllt usw.) sind es, die im allgemeinen Bewusstsein und Wissenstand gerade der westlich geprägten Gesellschaften in Bezug auf die Sexualität im Rahmen des Islam vorherrschen. Skandale wie Ehrenmorde tun ihr Übriges hinzu, um dem gesamten Thema als westlich geprägter Mensch zunächst mit einer gehörigen Portion Misstrauen und, in Bezug auf die eigene Liberalität der westlichen Zivilisation gerade in Fragen der Erotik und Sexualität auch mit einem hohen Befremden „über den Zaun“ zu schauen.

 

Dies ist das Thema der Journalistin El Feki. Konkret wendet sie sich sehr praktisch orientiert dem „echten (sexuellen) Leben“ im Kulturraum des Islam zu. Fünf Jahre lang hat sie dazu Interviews geführt, hat sie erlebt, wie Menschen sich ihr öffneten, ihre differenzierten Fragen nach vielfachen Aspekten der Sexualität so weit wie möglich beantworteten. Mit Ergebnisse, die aus einer liberalen Haltung heraus durchaus erschrecken und die so manche der gängigen Vorurteile drastisch betätigen. Mitsamt einer Erweiterung noch. Das nicht nur religiöse Tabus und patriarchalische Strukturen die Haltung zu Erotik und Sex bestimmen, sondern zu diesen vielfach noch eine, für das 21. Jahrhundert fast unglaubliche, Unwissenheit tritt. Eine Unwissenheit, die sich aus dem Verständnis der Sexualität als weitreichendes Tabu speist. Und dies ist, ein interessanter Aspekt, den El Feki herausarbeitet, nicht genuin religiös aus dem Islam heraus zu beantworten. „Allgemein Sprrechen darf man über Sexualität“, damit auch Wissen vermitteln. In der Verbindung aber jahrhundertealter, patriarchalischer Strukturen und einem bewusst eng ausgelegtem Koran entstehen dann jene massiven Haltungen, welche die Gegenwart der islamischen Kultur in Bezug auf die Sexualität prägen.

 

Eine beeindruckende Darstellung auch deshalb, weil El Frki in ihrem Stil sorgsam darauf achtet, nicht Empörung oder Verteidigung in den Vordergrund zu rücken, nicht Bewertungen aus der ein oder anderen Haltungen heraus (auch wenn Bewertungen natürlich erkennbar werden), sondern sachlich und  nüchtern präsentiert sie vor allem erst einmal Fakten.

 

Das beginnt schon bei einem äußerst starken Druck in Bezug auf Eheschließungen. „Das Fundament der ägyptischen und, ganz allgemein, der arabischen Gesellschaft“. Druck der Familie und religiöse Faktoren sind es, die dieses Fundament unverändert zementieren und die dazu gehörenden ehelichen Strukturen und „Unversehrtheiten“ möglicher Bräute zum Gegenstand fast hysterisch zu nennender „Rahmungen“ gestalten. Sexualität geschieht (und hat nach islamischen Verständnis allein zu geschehen) in strikt kanalisierten Strukturen.

 

Folgt man dem Buch, ist in diesem fundamentalem und seit Jahrhunderten kaum veränderten Verständnis der „Kanalisation“ die Ursache für die Haltung und Stellung der Sexualität im islamischen Raum (mitsamt der Tradition bis in die Gegenart hinein, Ehen durch die Familien zu arrangieren) zu sehe. Mit weitreichenden Folgen auch, was Empfängnisverhütung angeht für jene, die tatsächlich in die „dunklen Seiten des außerehelichen Geschlechtsverkehrs“ vorzudringen gedenken. Unwissenheit, wie das geht und dann die Frage, woher Schutz überhaupt zu bekommen wäre sind ganz praktische Probleme. Mitsamt einer erkennbaren Unterdrückung von Fakten alleine schon in den Klassenräumen der Schulen bis in die Gegenwart hinein.

 

Und wenn dann noch zudem Homosexualität im Raume stehen könnte, wird es umgehend gefährlich für Leib und Leben.

 

Themen, klar, direkt, durchaus auch „Tabus unter der Gürtellinie“ ansprechend, hervorragend versteht es El Feki, ihren Gesprächspartnern und -partnerinnen eine offene und vertrauensvolle Atmosphäre zu schaffen, in der Dinge beim Namen genannt werden. Gespräche und Erlebtes, die zeigen, dass es unter der Oberfläche brodelt und hochgradig Spannungen vorhanden sind. In den Menschen selbst, in Bezug auf die festen Traditionen und in Bezug, nicht zuletzt, auf die Gesellschaftsformen als solche.

 

Mithin wird deutlich, mit welch großer Angst, fast Panik, die realen „Mächte“ in Regierung, Familie und Religion der Sexualität gegenüberstehen und mit Druck, Gewalt und vor allem Ausgrenzung des Themas an sich alles bereit zu sein scheinen, dafür zu tun, dass sich diese „gefährliche Kraft“ gar nicht erst an die Öffentlichkeit wagt.

 

Ein hervorragend recherchiertes, offenes und lehrreiches Buch, das Fakten schafft und zugleich ein Plädoyer zur Aufklärung ist. Im ganz direkten Sinne, aber auch im Sinne einer Gesellschaft von Menschen, die mehr und mehr selbstbestimmt leben dürfen wollen.

 

M.Lehmann-Pape 2013