Ullstein 2014
Ullstein 2014

Stefan Selke – Lifelogging

 

Wie die digitale Lebensprotokollierung das allgemeine Leben verändert

 

„Wir alle werden in Zukunft darüber entscheiden müssen, wie berechenbar wir sein wollen, wie konformistisch und rational wir uns verhalten“.

 

In seinem neuen Werk geht Stefan Selke der Entwicklung der „Selbstprotokollierung“  nach, die sich in den letzten Jahren umfassend verbreitet hat, deren Folgen aber erst langsam deutlicher vor Augen treten.

Folgen, die durchaus kritisches Potential in sich tragen und das nicht nur in Bezug auf die Datenmengen, die der „Lifelogger“ an allen möglichen Orten anderen zur Verfügung stellt.

 

„Anderen“, die hier und da über das Know-How und den Willen verfügen, all diese Daten zu strukturieren, zu sortieren, auszuwerten und für Ihre Zwecke zu Nutzen.

 

Angefangen von einfachen Apps für sportliche Aktivitäten, für Kalorienverbrauch, für zurückgelegte Schritte.

 

„Körpervermessung“, „Human Tracking“, „digitale Lebenserinnerung“ (google-glasses), „digitale Unsterblichkeit“, „digitale Unterwachung“, Bereiche, die zunehmend Bedeutung im Lifelogging und für das allgemeine Leben erhalten.

 Daten, die dem Nutzer die Illusion einer Berechenbarkeit des Lebens vermitteln können.

 

Eine Entwicklung, die Selke zunächst sehr breit und klar darstellt und  dem Leser damit die bereits vorhandene Breite von „Selbstvermessung“ und „Überwachung“ vor Augen führt und so sehr fundiert und sehr verständlich „unser Leben mit der digitalen Aura“ beschreibt.

 

„Das eigene Leben unter Beweis stellen“, das ist sicherlich einer der  naheliegenden Schlüsse aus all den Beobachtungen. Kein „digitaler Versager“ zu sein ein nicht zu unterschätzender Antrieb im „Universum des Lifelogging“.

 

Nicht nur der Körper, die ganze eigene Person wird so zunehmend „zur Baustelle“. Die „effizient optimiert“ werden soll.

Wozu jede Menge digitale Helfer mancherorts mit Begeisterung gefeiert und genutzt werden.

 

Eine Entwicklung, die, darin sieht Selke fundamentale Gefahren, eine Balance verschiebt und den eifrigen (bis fanatischen) Nutzer eine Hinwendung zum „Äußerlich“ (digital protokollierbaren) überwertig gestalten lässt auf Kosten einer „Abwendung vom Inneren“.


Das Analoge, die Intuition, die Mühe der Frage nach dem eigenen Sinn, auch die Mühe allein schon der „echten“ statt “technischen“ sozialen Kontaktaufnahme, des damit einhergehenden „Fetisch Transparenz“. Mithin die Gefahr, sich in einer „Datenflut“ zu verlieren, ohne dieser Datenflut die notwendige innere Interpretation geben zu können.

 

Und jenen „inneren Gefahren“ korrespondieren  „äußere Gefahren“ des Verlustes von Privatsphäre, der Kontrollierbarkeit durch andere (nicht nur Firmen, auch eine private und persönliche Kontrolle durch die Familie, Freunde, Nachbarn).

 

Hier reicht es, daran zu erinnern, dass andere mit ein paar kleinen „Helfern“ die eigenen Wege recht einfach und gründlich nachvollziehen können.

 

„Wenn Du nicht willst, dass es öffentlich wird, tu es nicht“.

Das ist die logische Folge all dieser Selbstprotokollierungen.

 

Ein spannendes Buch, das überzeugend darlegt und argumentiert und den Leser schon darin mit einfängt, dass er kurz auf das eigene Smartphone schaut und fast erstaunt die vielfachen Apps „digitaler Nachvollziehbarkeit“ betrachtet.

 

Dem stellt Selke sein „Lob der Unberechenbarkeit“ am Ende des Buches gegenüber und führt jene Idee ad absurdum, die anpreist, demnächst „seine eigene Reparaturwerkstatt“ zu alleine mehr „äußerer Effizienz“ sein zu können und den Gedanken, dass sich das Leben darin wirklich finden könnte.

 

Nicht umsonst nennt Selke daher jene Vertreter und Marktschreier des Lifeloggings „Priester und Schamanen“ und mahnt mit deutlichen Worten zur Skepsis.

 


Ein interessantes und differenziertes Buch zu einer „Lebensweise“, die mehr und mehr das moderne Leben beginnt, zu bestimmen.

 

M.Lehmann-Pape 2014