Hoffmann und Campe 2015
Hoffmann und Campe 2015

Susanne Schäfer – Der Feind in meinem Topf

 

Gegen Essens-Dogmatik

 

„Gesund essen“ erhebt sich in den letzten Jahren mehr und mehr zu einer fast doktrinären Diskussion. Vegetarier, Veganer, Steinzeiternährung, Low Carb, Gluten, das sind nur einige Stichworte, die zu „Massenbewegungen“ führen und zu ähnlich verhärteten Diskussionen manches Mal führen, wie zu Zeiten die Frage “Bio oder nicht?“.

 

Vor allem, was „alles nicht (mehr) geht“ rückt dabei in den Mittelpunkt der Auseinandersetzungen und führt dabei nicht unbedingt zu mehr Klarheit, was denn nun für den Körper gesund ist und was nicht, sondern vor allem zu einer sich steigernden Verunsicherung im Blick auf die Vielfalt der Lebensmittel und der (scheinbaren) Fehlerhaftigkeit traditioneller Ernährungsgewohnheiten.

 

„Wer heute zum Essen einlädt, führt vor dem Einkaufen am besten umfassende Gespräche“.

 

So bringt es Susanne Schäfer zunächst in der Einleitung auf den Punkt. Die „echten und gefühlten Intoleranzen“ führen zu sehr individuellen Ausprägungen bei dem, was der einzelne zu Essen gedenkt und, vor allem, was auf gar keinen Fall mehr den Weg in den Mund finden darf.

 

Laktose, Fruktose, Gluten, Histamin, das sind scheinbar vielfach gegenwärtig die Qualitätskriterien für die Nahrungsaufnahme, Geschmack kommt erst in nachgeordneten Linien zum Zuge und ein Satz wie „Es wird gegessen, was auf den Tisch kommt“ grenzt fast an versuchten Totschlag.

 

Da ist es gut, dass Susanne Schäfer sich in ihrem Buch in sehr flüssiger und verständlicher Sprache sehr ruhig dem Thema nähert und dabei ohne Polemik oder Dogmatik die Fakten sprechen lässt.

 

Denn „munter wird bei den Selbstdiagnosen Halb- und Unwissen durcheinandergewürfelt und weiterverbreitet“.

 

Dabei ignoriert Schäfer natürlich nicht medizinische Problematiken (die nicht wenige Menschen bei der Nahrung zu berücksichtigen haben), entzaubert aber Seite für Seite demgegenüber die (fast modische) Vielfalt von Behauptungen, die auf das Gros der „Esser“ einfach nicht zutreffen.

 

„Unverträglichkeiten haben sich als Mode verselbstständigt“, das ist das Problem in der Breite, ohne echte Unverträglichkeiten dabei unter den Tisch fallen zu lassen.

 

Wie nebenbei zeigt Schäfer dabei die Strukturen von „Moden“ auf, die sie „ergoogeltes Wissen“ nennt und in ihren Darlegungen zu „echten und gefühlten Unverträglichkeiten“ benennt.

 

„Generell lässt sich sagen, dass wir mit unseren Einschätzungen der Risiken, die von Lebensmitteln ausgehen, oft danebenliegen“.

 

Dennoch aber konstatiert auch Schäfer eine „Entfremdung von der Nahrung“ und damit einhergehend ein unsicheres Gefühl bei Fertig-Produkten. Eine Unsicherheit, die schnell zu Unwissen führt und daher ebenso schnell zu Aufregung.

 

Streift aber auch die „Leere“ des modernen westlichen Menschen, in der die Ernährung zur „Religion“ reifen kann, wie so manches andere auch. Es scheint zum Menschen zu gehören, Glaubenssysteme zu erbauen und diesen nachzueifern, nur die Inhalte ändern sich im Lauf der Zeiten. Dazu gehört ebenso das „Geschäft mit der Angst“, dass in Ratgebern und „Fachleuten“ eben auch ein genuines Merkmal religiöser Dogmatik war und ist.

 

Das im Gros es in der Gegenwart nicht schwer ist, sich gut zu ernähren, dass einige wenige Grundregeln reichen, sich von zu viel erwiesen Schädlichem fernzuhalten, das ist die Quintessenz dieses anregenden Buches, die fast im Plauderton beim Leser angelangt.

 

Bleibt zu hoffen, dass die Lektüre sich verbreitet und zu mehr Gelassenheit beim Essen führt. Mitsamt der Freude, vielfache Auswahl vorzufinden und keine Hungersnot befürchten zu müssen.

 

Eine anregende und erhellende Lektüre, die differenziert, wo es nötig ist und ad absurdum stellt, wo es in „Heilslehren“ fast sich hinein entwickelt, die Sache mit dem Essen.


M.Lehmann-Pape 2015