C.H.Beck 2012
C.H.Beck 2012

Sybille Ebert-Schifferer - Caravaggio

 

Opulente „Bild-Biographie“

 

Entspannt und elegant, so kann es nennen, legt Sybille Ebert-Schifferer, Direktorin der Bibliotheca Hertziana in Rom, eine sachgerechte, persönliche und reich bebilderte Biographie und Darstellung des Werkes des Michelangelo Merisi aus Caravaggio in diesem großformatigem Bildband vor.

 

Eine reichhaltige und bestens abgelichtete „Ausstellung“ der aussagekräftigen und intensiven Bilder Caravaggios bilden hierbei in gleicher Weiser einen Sinnesgenuss, wie es die vielfachen und stets fundierten Textbeiträge vermögen. Durchaus kommt man als Leser der Rezeption und Bewertung Caravaggios „vom malenden Engel zum Verderber der Malerei“ auf die Spur. Eine Rezeption, die Ebert-Schifferer ebenso sachkundig und unaufgeregt reflektiert, wie sie den Lebens- Und Schaffensweg Caravaggios umfassend zu Gehör bringt.

 

Ein Maler, der von Beginn seiner öffentlichen Wirksamkeit her „für Aufregung“, zunächst in Rom, gesorgt hat. Wie auch im weiteren Verlauf der Rezeptionen und Interpretationen über die Jahrhunderte hinweg die „Interpretationsoffenheit“ seines Werkes immer wieder breite Gelegenheiten ergeben hat, sich aus neuen, anderen, individuellen Standorten her dem Werk zu nähern. Christologe oder Bohemien? Rebell mit sozialem Widerstand oder Protege der Reformtheologie?

 

In dieser Meinungsvielfalt stellt sich die Autorin umgehend selbst als „Restriktionistin“ dar und vollzieht dies im vorliegenden Werk einerseits durch die Beschränkung auf jene Werke, die als weitgehend gesichert „eigenhändig“ gelte und geht zum anderen in die Richtung, alle Behauptungen über Werke und Biographie nicht aus „Zirkelschlüssen“ her herzuleiten, sondern jeweils kritisch an der Quellenlage zu prüfen. Zwei Ansinnen, denen die Autorin im Werk spürbar nachkommt und somit eine, soweit das im Blick auf Caravaggio möglich ist, durchaus objektive Grundlage für den Leser in Betrachtung des Werkes und der Biographie des Malers schafft.

 

In all diesen Möglichkeiten, sich dem Werk zu nähern, den vielfältigen Interpretationsansätzen, wundert es nicht, dass Caravaggios Bilder zunächst vielfach Reaktion in den damaligen intellektuellen Kreisen fand, bevor er vom „Volk“ ebenfalls breit wahrgenommen wurde. Wobei umgehend (bereits 1642 in der Biographie durch Baglione) gleichsam auch die Kennzeichnung als „Nichtskönner“ vorgetragen wurde, mitsamt einer Steigerung des (schon älteren) Versuches, die Bewunderer Caravaggios sozial zu deklassieren.

 

Von Beginn an also spalteten sich die Betrachter des Werkes in Bewunderer und Feinde. Eine Spannung, die Ebert-Schifferer, dankenswerterweise sehr flüssig und eingängig im Stil, von Beginn an darlegt und damit den „roten Faden“ für die Darstellung der vielfach divergierenden Bewertungen in den Raum des Buches legt. Wichtig vor allem im Blick darauf, dass kaum einer (gerade der frühen) Autoren „interessenlos“ sich Maler und Werk genähert hat, sondern vielfache Schriften und Aussagen aus je subjektiven Interessen geleitet waren.

 

In den Lebensstationen Lombardei (Kindheit, Jugend und Ausbildung), Rom ( Aufgehender Stern und Rivalitäten, Gönner und Kritiker) und Exil (Neapel, Malta, Sizilien) einerseits äußerlich und im abschließenden Kapitel „Kunstqualitäten“ (Innovation, Selbststilisierung, heilig und profan, die Herstellung der Bilder, Affekte und Sinnlichkeit) von der „Innenseite“ des Malers her betrachtet zeigt Ebert-Schifferer die Verbindung von Mann, Leben und Werk auf, legt Entwicklungslinien in Biographie und malerischem Ausdruck vor und bleibt jederzeit differenziert in ihrer Darstellung auch der verschiedenen historischen und divergierenden Stränge der Rezeption Caravaggios.

 

Alles in allem ein umfassendes, bestens zu lesendes und zu schauendes „Kunst-Werk“ der Darstellung Caravaggios.

 

M.Lehmann-Pape 2013