Hirzel 2013
Hirzel 2013

Thomas Junker – Die Evolution der Phantasie

 

Entwicklungsgeschichte der vielfachen Formen der Kunst

 

Kunst ist ungeheuer vielfältig, sowohl in den Ausdrucksformen als auch in den Wirkungen auf die je verschiedenen Betrachter oder Hörer.

Dies ist die Feststellung, die Thomas Junker, Professor für Biowissenschaften an der Universität Tübingen, zu Beginn seiner Betrachtungen trifft.

 

„Was aber ist Kunst? Wann ist sie entstanden, wie funktioniert sie und welcher Zweck wird mit ihr verfolgt?“, das sind die Leitfragen, die sich aus dieser ersten Feststellung für Junker ergeben und denen er im Verlauf des Buches durchaus differenziert folgt. Die gängige Antwort, dass Kunst aus dem „Schönheitssinn“ des Menschen heraus sich entfaltet, ist dabei für Junker zu kurz gegriffen angesichts der Vielfalt all dessen, was Kunst ist und wie diese ebenso vielfältig ihre Wirkungen zeigt.

 

Überzeugend zeigt Junker im weiteren Verlauf der Lektüre vor auf, ganz im Rahmen der Evolutionsforschung der letzten Jahre und Jahrzehnte, dass Kunst ebenso eng wie mit einem „Schönheitssinn“ verknüpft ist mit „biologischen Lebenszielen“. Im evolutionären Verständnis muss es ja so sein, dass auch die Kunst nicht als „kultureller Luxus“ sich entwickelt hat, sondern für die Gattung Mensch als ein „unverzichtbarer Bestandteil der Natur“ zu gelten hat.

 

So weitet Junker den Blick, stellt Erkenntnisse der Philosophie und der Kulturwissenschaften neben die Ergebnisse der Naturwissenschaften und der Evolutionsforschung und schafft so durchaus eine Synthese im Blick auf die „Kunst“ und ihre Bedeutung und Entwicklung für die Gattung Mensch in biologischer und kultureller Hinsicht. Wobei Junker nicht vorgibt, alles ins ich schlüssig in ein Gesamtsystem einordnen zu können. Offene Fragen spricht er an und lässt diese auch offen stehen, wo eine Antwort nicht durch Fakten abgeleitet werden kann. Das Buch stellt einen „Brückenschlag“ zwischen Natur- und Kulturwissenschaft im Blick auf die Entwicklung und Bedeutung der Kunst her, der durchaus als gelungen zu bewerten ist.

 

Gerade in der Betrachtung der Künste als „eine spezielle Sprache des Menschen“, die zur Verständigung über „unbewusste Gefühle und Wünsche“ dient, erschließt sich die Teilmenge der verschiedenen Betrachtungsweisen und zeigt sich, wie an der Sprache selbst, zum einen die Bedeutung für das „Überleben der Art“ an sich, wie auch für die faszinierende kulturelle Entwicklung der Menschheit in der Geschichte. Eine Entwicklung, die nicht nur auf der technischen Kommunikation von Fakten und nicht nur auf der emotionalen und ethischen Kommunikation durch Laut- und Körpersprache begründet ist, sondern eben auch auf dem Austausch unbewusster und tiefliegender Elemente, die sich symbolhaft in der Kunst Ausdruck verschaffen.

 

Im ersten Teil führt Junker hierzu ein in die kontroversen Haltungen und Standpunkte zur Kunst („Wie wird Kunst erklärt“). Im zweiten Teil führt Junker die Ergebnisse der evolutionären Forschung zum Faszinosum der Kunst ein („Wie funktioniert Kunst?“), bevor er im dritten Teil des Buches die Folgerungen aus den Ergebnissen der evolutionären Forschung zieht und diskutiert („Welches Problem soll die Kunst lösen?“).

Wie nun die Kunst entstanden ist (nachdem die Zwecke offen gelegt wurden im Buch), das ist Thema des vierten Teiles, der von den „evolutionären Vorformen“ bis zur ausgeprägten „Massenkunst“ reicht. Die Frage, „ob es in Zukunft noch Kunst geben wird“, schließt diese interessanten und ungewohnten Einsichten und Darlegungen im Buch dann ab.

Auch diese abschließende Betrachtung hängt eng mit der Frage nach der „Funktion“ der Kunst zusammen, denn Kunst im heutigen Sinne steht durchaus in Gefahr, zu verschwinden, wenn sie ihre ursprüngliche kommunikative Funktion und Aufgabe im modernen Leben mehr und mehr verliert.

 

Fundiert und sehr interessant, ein ganz anderer Blick auf die Kunst, als er gewohnt ist, ohne die kulturwissenschaftliche Betrachtung zu sehr zu vernachlässigen (auch wenn der Schwerpunkt deutlich erkennbar im Buch naturwissenschaftlich gesetzt ist), alles in allem ein Buch, das mit Gewinn zu lesen ist und in Stil und Form sehr verständlich sich darstellt.

 

M.Lehmann-Pape 2013