C.H.Beck 2016
C.H.Beck 2016

Thomas Junker – Die verborgene Natur der Liebe

 

Die biologischen Grundlagen der Liebe

 

„Verborgen“ ist die Natur der Liebe durchaus, folgt man Junkers Ausführungen. Verborgen vor allem unter vielfachen religiösen, moralischen, gesellschaftspolitischen, idealistischen und anderen „Überhöhungen“ dieses Grundbedürfnisses des Menschen.

 

Und jene Natur der Liebe, die Junker eigentlich nur im Titel als „verborgen“ kennzeichnet, ist eigentlich eine offenkundige. Denn, ob mit schlechtem Gewissen oder gutem, ob im Einklang mit der Moral der Zeit oder im Widerstand gegen diese, der Mensch folgt letztendlich doch den tieferliegenden, wie Junker es herausarbeitet, „natürlichen“ Strukturen der biologischen Disposition.

 

Warum dem so ist, welche Formen das annimmt, wie Menschen auf die „Liebe“ und damit auch auf die sexuelle Lust reagieren, all dem geht Junker sachlich fundiert nach und erläutert in sehr verständlicher Sprache, was denn nun auf sich hat mit diesem Drang des Menschen zueinander.

 

Und setzt dieses „Risiko der Liebe“ in den Mittelpunkt seiner Betrachtungen. Wobei Junker dabei durchaus die Verknüpfungen zur Reflexion in vielfacher Form im Lauf der Kulturgeschichte aufgreift. Wie in der Literatur ja vielfach und in jedweder Hinsicht dieses „Risiko“ der Liebe, aber auch die „unrettbare“ Verfallenheit des Menschen an diese sich widerspiegelt. Die biologisch tief im Menschen verankert ist.

 

„Denn die romantische Liebe liegt in unserer Natur. Sie gibt dem Leben Sinn und verspricht einzigartige Momente der Lust. Sie kann aber auch in tiefste Verzweiflung führen“.

 

Und, hört man auf die Biologie, auf das, was Menschen wissen über die inneren Vorgänge, die Biochemie des Lebens, dann kann diese Biologie „Empfehlungen“ in sich tragen, welche Formen der Liebe in welchen Situationen erfolgsversprechend sind und welche eben in welchen Situationen nicht.

 

So geht Junker im Buch vielfältigen Formen von „Strategien der Liebe“ im biologischen Sinne nach, darunter auch sehr befremdlich wirkenden (je nachdem, welchen ideologischen Überbau der Leser für sich in Sachen Liebe folgt), wobei es ihm gelingt, all dies zunächst wertfrei darzustellen und somit mögliche Abläufe biologischer Formen als Alternativen vor die Augen des Lesers zu stellen.

 

Wobei natürlich letztendlich ein „begründetes Urteil“ Ziel des Buches und Ziel für den Leser sein soll (und, was das Buch betrifft, auch sein wird). Der „Sacherhebung“ folgt die Analyse und die Folgerung für den „ganz alltäglichen Umgang“ mit der Liebe.

 

Grundlegend wird dabei ersichtlich, dass jenes, „was wir Liebe nennen“ nichts Selbstverständliches ist, „sondern alles auch ganz anders sein könnte“. Was eine sehr interessante und zur Reflexion motivierende Lektüre ergibt. Denn einerseits werden vielfache Haltungen der Liebe und der Sexualität gegenüber von jedem Menschen als „gegeben“ vorausgesetzt, andererseits gibt es ja faktisch einfach viele verschiedene „Spielarten“ (man denke nur an die weltweit sehr verschieden und in starker Auseinandersetzung stehender Homosexualität). Die alle ihren Grund und, letztendlich, ihre biologische Berechtigung besitzen.

 

So kann am Ende nicht eine einfache und klare Definition dessen erfolgen, was „richtige Liebe und Sexualität“ nun wäre, sondern eine differenzierte Betrachtung mit einem subjektiven Schluss für jeden Leser, der um den Freiraum der Liebe und ihrer Formen bei anderen dann weiß. Und dennoch eine „Hauptlinie“ sichtbar zu machen versteht.

 

Warum wir nun überhaupt Sex haben, was wir (nicht nur in Bezug auf Sexualität) lieben und wie wir „die Richtigen“ Gegenüber für die je vorliegende Form der Liebe finden, das legt Junker anregend und nachvollziehbar in den drei Hauptteilen des Buches vor Augen.

 

Wie dabei der gesellschaftliche Einfluss immer eine nicht unwichtige Rolle spielt, welche auch wichtigen Funktionen dabei kulturelle Gebote und Verbote enthalten. So zeigt Junker auch auf, dass selbst in liberalsten Gesellschaftsentwürfen meist eben doch das ausgelebt wird, was auch biologisch zu erwarten ist (Ausnahmen bestätigen die Regel).

 

„Trotz dieser prinzipiellen Offenheit bewegt sich die sexuelle Partnerwahl des Menschen in relativ engen Grenzen“.

 

Darum zu wissen und dieses zu verstehen, ebenso zu akzeptieren, dass das sexuelle Bedürfnis die Grundlage der Liebe ist (wenn diese auch darüber immer wieder hinausgehen kann), schafft jene Voraussetzungen für eine „effektive Partnerwahl“, die Junker differenziert darstellt.

 

 

Eine sehr interessante, lehrreiche, mit vielfachen „Vorurteilen“ aufräumende und teils überaus überraschende Lektüre.

 

M.Lehmann-Pape 2016