Pattloch 2016
Pattloch 2016

Urs Willmann – Stress

 

Plädoyer für Adrenalin

 

Zu Unrecht in Verruf geraten ist der Stress, wie Willmann als Grundlage seiner Betrachtungen formuliert. Zumindest wird, in seinen Augen, zu bedenkenlos eine begriffliche Unschärfe seit Jahren in die Diskussion gebracht.

 

Was landläufig unter „negativem Stress“ bekannt ist, was in den letzten Jahren eine Fülle an Literatur zu „Burnout“ oder „Life Balance“ hervorgebracht hat und was an ebenso vielen Orten unter Stöhnen als „zu viel Stress“ beklagt wird, sind in Willmanns Augen zunächst falsche Verständnisse von den genauen Ursachen und, vor allem, natürlich eine falsche Ausrichtung, was den Stress im Leben angeht.

 

„Krank machen kann er natürlich auch – aber nur, wenn er missbraucht wird. Ein Krankmacher per se ist er deswegen noch lange nicht……Ich versichere Ihnen, Stress ist das Beste, was uns im Leben passieren kann“.

 

Und, folgt man den überzeugenden und immer auf die Praxis mit zielenden Darlegungen im Buch, dann ist man am Ende durchaus geneigt, Willmann sehr grundsätzlich Recht zu geben.

 

Denn „Stress“ als Ausdruck von herausfordernden Situationen, von Aufgaben, von der Erforschung unbekannten Gebietes, von der Annahme (zumindest Hinnahme) von Risiken aus gesehen ist ein, wenn nicht „der“ Motor des Lebens der Spezies Mensch.

 

Ohne Stress hätte die Spezies sich nicht entfalten oder überleben können, ohne Stress (in einem Reiz-Reaktions-System) würde keine wirkliche effektive und rasche Bewegung stattfinden, ohne „Druck“ nicht intensiv an Lösungen gearbeitet werden.

 

Gerade einer der Grundgedanken Willmanns vom Anfang des Buches her setzt dabei die Weichen in eine dem Leser zugängliche und verständliche Richtung und konfrontiert mit einem gesellschaftlichen Paradox, was näher zu betrachten ist.

 

Einerseits propagiert „die Gesellschaft“ und viele Individuen den Stolz, eine „Leistungsgesellschaft“ aufgebaut zu haben und vielfach sind die Versuche zu erkennen, jeweils sich selbst als „Leistungsträger“ zumindest im kleinen Umfeld zu definieren, zu beweisen, sich in dieser Form zu behaupten, und auf der anderen Seite wird dann der „Druck“, der durch geforderte oder zu erbringende Leistungen generiert wird, oft äußerst negativ gekennzeichnet (falls das nicht nur kokett jeweils gemeint ist) und „jenes biologische Instrument, das unsere physische Leistung und unser Denkvermögen erhöht“ (der Stress), verteufelt.

 

So bricht Willmann im Buch dem Stress fast durchgehend eine Lanze und weiß überzeugend zu berichten von all jenen Menschen, Situationen und Momenten, die klar aufzeigen, dass der Mensch tatsächlich Stress regelrecht sucht. Herausforderungen bestehen möchte, Nervenkitzel in der Freizeit zumindest kontrollierten Bahnen gar teuer zu bezahlen bereit ist.

 

All dies weist in Richtung jenes „Flow“ Begriffes, der ebenfalls seit Jahren weit verbreitet bekannt geworden ist.

 

Wobei, und das nimmt Willmanns zum Glück zum Ende hin differenziert auf, es zwar durchaus stimmt, das Stress „der“ Erfolgsfaktor im menschlichen Leben ist, dass andererseits „Dauerstress“ tatsächlich die Ressourcen erschöpft und krankmachen kann. Und zum „positivem Stress“ gehört auch ein möglichst hohes Maß an Selbstbestimmtheit. Den „Stress“ anderer jeweils in niederen Positionen abarbeiten zu müssen ist einer jener „Missbräuche“, von denen Willmann zu Anfang des Werkes spricht. Zum Stress gehört zudem ebenfalls die Regeneration

 

Da sich solche Momente aus dem natürlichen, biologischen Ablaufe von Jahreszeiten und Tageszeiten nicht unbedingt mehr ergeben, müssen hier bewusste Organisationsformen vom Einzelnen geschaffen werden, „Dauerstress“ zu vermeiden.

 

Insgesamt schlägt Willmanns in frischer Sprache und mit vielen Beispielen versehen einen ganz anderen als den mittlerweile gewohnten Ton gegenüber „dem Stress“ an und bietet in seiner eigenen, leidenschaftlichen Darstellungsweise durchaus dem Leser auch zugleich einen Motivationsschub, eigene Drucksituationen positiver zu betrachten und mögliche Überlastungsempfindungen nicht einfach nur auf „Stress“ zu reduzieren, sondern die Gründe für solches Empfinden sehr viel differenzierter einer Analyse zu unterziehen.

 

 

Eine anregende Lektüre.

 

M.Lehmann-Pape 2016