C.H.Beck 2013
C.H.Beck 2013

Vittorio Hösle – Eine kurze Geschichte der deutschen Philosophie

 

Ein amerikanischer Blick auf die deutsche Philosophiegeschichte

 

Vittoria Hösle, Professor der University of Notre Dame in den USA macht es sich in diesem Werk zur Aufgabe, in komprimierter und übersichtlicher Form die Geschichte und, natürlich, die je konkreten Inhalte der deutschen Philosophie dem Leser nahe zu bringen. Und bezieht dabei erkennbar und klar eine eigene Stellung zu den jeweiligen Objekten seiner Betrachtungen. Wobei er sich auf die „Hauptpersonen nach seinen Kriterien“ beschränkt und damit nur die „herausragenden“ Personen der deutschen Philosophie im Buch aufnimmt.

 

Beginnend bei Meister Eckhart im Mittelalter (den Hösle als den „Beginn des deutschen „Sonderweges“ in der Philosophie“ verortet), führt der Weg über die „Naturphilosophie“ des Paracelsus, über Leibniz, natürlich Kant, die Frühromantik durch Lessing, Herder und Schiller zunächst bis zum Idealismus.

 

Der Weg über die christliche Prägung der deutschen Philosophie hinaus (als Zäsur der Philosophiegeschichte) beginnt mit Schopenhauer, führt dann in Abgrenzung zur bürgerlichen Welt zu Feuerbach und Marx bis hin zur „Revolte gegen die universalistische Moral“ bei Nitzsche (den Hösle überaus kritisch betrachtet).

 

Wiener und Berliner Kreis stehen für die beginnende Hinwendung zur analytischen Philosophie, die „Auslotung des Bewussten“ bei Husserl und die (durchaus die reine „Geistesgeschichte überschreitende) Frage des Anteils der „Denker“ am Geschehen des dritten Reiches in Person von Heidegger, Gehlen und Schmitt, bis dann die „Anpassung an die bundesrepublikanische Realität“ in Form der Frankfurter Schule (Habermas und Adorno) und durch Hans Jonas im Raume steht.

 

Diesen chronologischen, erfreulich flüssig und verständlich zu lesenden, Blick auf die „Kernpunkte“ der deutschen Philosophiegeschichte umrahmt Hösle mit der Eingangsfrage, ob es „je einen deutschen Geist“ (laut Hösle ja, vor allem in der „außerordentlichen Qualität“ der beteiligten „Denker“ und deren „Denksysteme“) gegeben hat und der Ausgangsfeststellung, dass die Zeiten einer „deutschen“ Philosophie auch für die Zukunft beendet sind.

 

Stehen die einzelnen Erläuterungen zu den „Denkrichtungen“ sehr gut gelungen im Raum, werden kurz und prägnant, vor allem aber verständlich die Grundsätze und Kernüberlegungen der einzelnen philosophischen Richtungen dem Leser nahe gebracht, stellen sich zudem die Versuche Hösles zu den Querverbindungen in das politische und (geistes-) geschichtliche Geschehen als ebenso umfassend vorgelegt dar.

 

Die „Atmosphären der Zeit“, die einerseits zu den konkreten philosophischen Reflektionen führten und dann wiederum die Einflüsse des „Denkens“ auf die Entwicklung auch der politischen Geschichte und damit die Beeinflussung der „Atmosphären der Zeit“ durch die Philosophie, auch dies vermag Hösle in einen weiten Raum der gegenseitig sich bedingenden Entwicklungen zu stellen.

 

Was allerdings ein stückweit durchaus mangelt, ist eine überzeugende Darlegung eines „deutschen Sonderweges“. Eine Vielzahl der philosophischen Strömungen, die Hösle sehr pointiert entweder für gut befindet oder (durchaus auch rasant) ablehnt, finden sich in der ein oder anderen Form auch an anderen Orten, die „Erkennungsmerkmale“ speziell „deutscher Philosophie“ wirken hier und da auch etwas künstlich hergeleitet.

 

Alles in allem aber eine profunde Darstellung mit ebenso klar erkennbaren Bewertungen durch Hösle, die dem Leser chronologisch die Kernpunkte philosophischer Entwicklungen und Grundüberzeugungen gut verständlich (wenn auch, dem Objekt entsprechend, beileibe nicht immer simpel) vor Augen führen.

 

M.Lehmann-Pape 2013