Klett-Cotta 2017
Klett-Cotta 2017

Volker Weiß – Die autoritäre Revolte

 

Europa am Scheideweg

 

In vielen Bereichen ist Europa eine Art „Baustelle“, durchaus und vor allem aber auch in der „Vermittlung“ des Gedankens und der Praxis der europäischen Union an ihre Bürger. Was sich, und davon sind die Tagesgespräche der Nachrichten und Talk-Shows voll, vor allem in einem „politischen Bumerang“ zeigt, der „Wiederkehr der nationalistischen Rechten“, des „Denkens in den (engen) Grenzen des eigenen) Herkunfts-) Landes“.

 

Wie kam das, wie hat sich das entwickelt, was sind tragende Ideen und wie tragfähig sind diese eigentlich überhaupt (eine Art Faktencheck somit), das ist, was Volker Weiß als Ansinnen seines Buches stellt.

 

Und das mit einerseits klar erkennbarer eigener Haltung, aber vor allem sachlich, ruhig und den einzelnen politischen Aussagen der „neuen Rechten“ nachgehend und diese ebenso ruhig und sachlich betrachtend, was eine ziemliche Entzauberung vieler dieser Schlagworte und gedanklichen System am Ende der Lektüre zu Folge haben wird.

 

„Als ein zunehmend von Krisen geprägtes Bürgertum……politisch die Contenance verlor…….waren die bereits da, die Heimatlosen mit offenen Armen aufzunehmen“.

 

Eine Entwicklung, die Weiß als keineswegs überraschend erläutert, sondern in ihren Entwicklungslinien überzeugend darzustellen versteht, wobei er im Kern, aber nicht allein, auch auf Thilo Sarrazin zurückgreift, bei dem das wütende, nationale Denken breiten Raum einnahm und ebenso breit als Bestseller verkauft wurde.

 

Vom Deutschland, dass sich abschafft bis zur angeblich gleichgeschalteten öffentlichen Meinung (heute „Lügenpresse“, erreichte mit seinen Büchern dieses „neue rechte Denken“ erstmals die „breiten Massen“. Und gärt seitdem.

 

Die provokanten, lauten Methoden dieser Geisteshaltung betrachtet Weiß dabei ebenso gründlich, wie er unter der „dünnen Oberfläche“ bürgerlichen Protestes fast spielerisch die alten, reaktionären Gedanken präzisiert und auch die Methoden selbst nicht als „neu“ kennzeichnen kann. Wozu ebenfalls gehört, die Nutzung der Begriffe „Abendland“ und die „neuen Feindlinien“ präzise zu fassen und zu zeigen, dass hier wenig mit einer romantisch-kulturellen Verklärung einhergeht, sondern handfeste, nicht selten dumpf rassistische und undifferenzierte Denkweisen „intellektuell“ ummäntelt werden.

 

Trotz aller Offenlegung und trotzdem klar wird, dass an gestalterischer Substanz (ähnlich wie schon einmal im 20. Jahrhundert) wenig zu finden ist, die Zeichen der Zeit geben wenig Grund, diese nur zu belächeln, sondern tragen bitteren Ernst in sich, der höchste Ämter bereits erklommen hat und sich anschickt, weitere Folgen zu lassen.

 

„Die Rückkehr von Autorität und Religion in der Politik vollzieht sich überall (auch in islamisch geprägten Ländern, auch in ehemaligen „Horten der demokratischen Freiheit“) mit enormer Geschwindigkeit. Was, wie das Buch zeigt, nicht unbedingt an den „überzeugenden“ Konzepten der neuen Rechten liegt, sondern Grundempfindungen aufgreift und an diese andockt, die mit Ernst reflektiert und denen sorgsam begegnet werden sollte.

 

Wobei im Lauf der Darstellung auch deutlich wird, auf welch schmalen Grat bürgerlich-konservative Politik doch immer sich bewegt hat und wie dieser „Konservatismus“ im Krisenfall schnell „sein Glück“ wieder in völkisch definierten, autoritär gegliederten politischen Strukturen und nationalem Denken sucht. Was die wesentliche Gefahr der Gegenwart für die individuelle und allgemeine Freiheit von Denken und Leben darstellt.

 

 

Eine sehr anregende, sorgfältige Lektüre, die sich differenziert mit ihrem Thema auseinandersetzt. Und an deren Ende deutlich wird, dass der Kernbegriff der neuen Rechten, das „Abendland“, eher ein künstlicher Begriff der konservativen Haltung ist, denn ein historischer Fakt als „Wertesammlung“.

 

M.Lehmann-Pape 2017