C.H.Beck 2014
C.H.Beck 2014

Werner Hofmann - Die Schönheit ist eine Linie

 

Über die zentrale Schönheit der "Schlangenlinie" in der Kunstgeschichte

 

Die Formeigenschaft der Schlange ist jene der "fortwährenden Bewegung" ,mit "unvorhersehbaren Abläufen". Vielleicht liegt darin ja jene "Schönheit der Linie", die schon Schiller ansprach und die über die Jahrhunderte in der Kunst zentrale Verwendung gefunden hat.

 

Die Bewegungen der Schlange als Metapher für eine Vielzahl von Verwandlungsmöglichkeiten, immer begleitet von Ambivalenzen.

 

13 solcher Metaphern hat Werner Hofmann für seine Betrachtungen ausgewählt.

 

Wie ein "Gerüst gegen ein Gemenge" kann man die Ausdrucksformen dieser Linie betrachten. wobei das Gerüst auf die konstruktive Vollendung zielt (als zielgerichtete Bewegung in Schlangenlinien) und das Gemenge auf proteische Verwandlungen und Widerrufe zielt (die Ambivalenzen, das nicht Vorausschaubare der Bewegungen).

 

Diese "verwirrende Dynamik" stellt Hofmann in diesem, seinem letzten Werk quer durch die Kunstgeschichte nun vor.

 

Von den "linearen Schwingungen" bei Dürer (eine Linie, "daraus man wunderbarlich Ding machen kann" über den "Stellenwert der Schlange an sich" in Mythos, Mythologie, Religion und Politik, für "alle Kulthandlungen, die der Welt eine gute und eine böse Seite zuweisen", in ihrer "Vieldeutigkeit" hin zur "subtilen Formökonomie der keltisch-germanischen Ornamentsprache".

 

Wie dann beim "Kopf der Medusa" oder der Laokoon-Gruppe, den "Sündenfall" und das Zusammenwirken von Mensch und Schlange als einerseits getrennte Wesen (Lokoon) und anderseits "Zwitterwesen" (Medusa).

 

Wobei späterhin gerade in der abstrakten Kunst (Kandinsky, Duchamps) die "Schlangenlinie" eine zentrale Rolle einnehmen wird (".....wenn die Linie die Qualität eines autonomen Dings annimmt" (Duchamps)), bis hin zu den linearen Raumkonstruktionen eines Naum Gabo oder den begehbaren Linienkunstwerken von Heike Mutter und Ulrich Genth (die Vorstellung eines modernen Laokoon in Form einer Achterbahn).

 

Dabei gilt (und dies lässt Hofmann in den einzelnen Variationen zum Thema im Hintergrund mitlaufen): "Jede Spirale verläuft in zwei Richtungen: von einer Mitte weg und auf diese zu".

 

Im Mittelpunkt seiner Darstellungen findet der Leser dabei jene Versuche und Ansinnen der verschiedenen Künstler und Kunstformen, jene "Entgrenzung" zwischen  Kunst und Leben zum Ausdruck zu bringen, in welcher auch und gerade durch die Schlangenlinie der Versuch unternommen  wird, "sich anschmiegend der gesamten Wirklichkeit zu bemächtigen".

 

Wofür am Ende des Buches einiges der Kunst Hundertwassers von Hofmann kurz beleuchtet wird.

 

Insgesamt bietet Hofmann in Stil und Thema keine einfache Kost. Im Gebiet unerfahrene Leser werden sich daher schon bei den einleitenden Worten leicht überfordert fühlen, Hofmann setzt einiges an Wissen und bereits vertieften Interesse voraus.

 

 Trotz der vielfachen Illustrationen besitzt das Buch einen hohen Abstraktionsgrad und wird vor allem Kunsthistoriker und an der Formensprache der Kunstgeschichte interessierte Leser anziehen.

 

Diese aber finden im Buch sorgfältige und in die Tiefe reichende Betrachtungen der Entfaltung der Schlange als Wesen und der Schlangenbewegung als Linienform, die von der klaren "künstlichen" Ornamentsprache hin zum Versuch der "Entgrenzung" zwischen Kunst und Leben führt. Getragen von der Hoffnung Camus (die Hofmann teilt), "wonach es darum geht, die Schönheit zu leben und nicht (nur) zu imaginieren.

 

 

M.Lehmann-Pape 2014