DVA 2012
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Wolfgang Wüllenweber – Die Asozialen

 

Die zupackende Zange von Oben und Unten

 

Ober- und Unterschicht, so fern diese in ihren Lebenswirklichkeiten zu sein scheinen, verbindet eines in den Augen des Stern-Reporters Wüllenweber dennoch. Beide Gruppierungen der Gesellschaft leben (zumindest in Teilen der Gruppen) von einem „leistungslosen Einkommen“. Und dies beileibe über weite Teile hinweg nicht nur „zufällig“ oder „weil man nichts dafür kann“, sondern mit gezielter Strategie.

 

Natürlich ist das eine polemische Zuspitzung, zunächst. Natürlich wird das nicht alle „Reichen“ oder alle „Armen“ betreffen. Aber Wüllenweber ist kompetent genug, fundiert und gründlich recherchiert seine These argumentativ (und nicht einfach nur marktschreierisch) zu Gehör zu bringen. Zumindest seiner Analyse der „dramatischen Veränderungen in Deutschland“, die sich gleichzeitig am „oberen und unteren Rand“ ereignen, vermag der unbefangene Leser durchaus mit Gewinn und weitestgehender Zustimmung zu lesen. Parallelgesellschaften entstehen an den Rändern, die aktuell so gut wie gar nicht mehr in das große Ganze der Gesellschaft eingebunden werden können. Dies ist die eigentliche Gefahr für das Gesellschaftsmodell in Deutschland, die Wüllenweber luzide benennt.

Wobei er zunächst gut und nachvollziehbar die Begriffe überhaupt erst einmal mit Leben füllt, die Gruppen von „Oben und Unten“ qualifiziert und definiert.

 

Ein Weg, auf dem schnell deutlich wird, dass die althergebrachte Füllung der Begriffe nicht mehr trägt. „Oberschicht“ ist nicht mehr gleich „Leistungsträger“, sondern vor allem nur noch als „Anleger“ zu verstehen (die ihr Geld für sich arbeiten lassen) mit einer „leichten Belastung“ was Steuern und Aufkommen für die Allgemeinheit angeht. Mit der Folge einer wahrhaft gigantischen Umverteilung „aus der Mitte nach oben“ in den letzten Jahrzehnten.

 

Aber auch die Realität der „Unterschicht“ entspricht in keiner Weise mehr alten Dickens -Mythen von Armenhäusern und drohendem Hunger. Hier ist der Alltag gerade nicht von einschneidenden materiellen Entbehrungen geprägt, sondern durchaus von Besitz und Nutzen auch neuster Technik (wie gesagt, Relativierungen wären im Buch durchaus nötig). Allerdings verweist Wüllenweber zur Recht und mit Nachdruck auf das, was wirklich schmerzlich vorenthalten wird und eine Ausprägung der Parallelwelt „Unten“ stark forciert: Der Ausschluss von der „Teilhabe“ (vor allem durch fehlende Bildung).

 

So geht es Wüllenweber nicht um ein materielles „arm und reich“, sondern um zwei Pole einer Gesellschaft, die unter ähnlichen Abläufen aus der Gesellschaft sich verabschieden. Zwei Pole, in denen der „Klebstoff „einer Gesellschaft, die „Leistung“, erheblich an Bedeutung verliert. Und da, wo die eigene Leistung an Bedeutung verliert, da gewinnt das Tricksen Oberhand.

 

Wüllenweber plädiert im konstruktiven Teil seines Buches für eine klare Änderung. Auch wenn er konkret keine überzeugende Vorgehensweise an die Hand zu geben vermag, im Groben gibt Wüllenweber überzeugende Richtungen vor. Dass „da Oben“eine deutliche finanzielle Verantwortung und Beteiligung gerade ob der Vermögen, die auch auf Kosten der Allgemeinheit entstanden sind, eingefordert werden  muss und dass „da Unten“ nicht materielle Versorgung die erste aller Pflichten ist, sondern Bildung der Grundpfeiler ist.

 

Zugespitzt und klar in der Sprache macht sich Wüllenweber zwar durchaus angreifbar in seinen eindeutigen Positionen, legt aber im Kern den Finger auf eine schwelende Wunde. Er zeigt unnachgiebig die politischen, ethischen, und moralischen „Weichenstellungen“ der „Deregulierungen“ auf, die zu diesem drängenden Problem geführt haben.

Die Verschiebung der Werte oben wie unten stellen die deutsche Demokratie und das deutsche Gemeinwesen vor eine Zerreißprobe, deren Ausgang nur desaströs sein kann, wenn nicht aktiv politisch eingegriffen und gegengesteuert werden wird. Was seit Jahren nicht auf der Agenda zu stehen scheint, nimmt man den biblischen Spruch ernst, dass „man sie an den Fürchten erkennen soll“. Einwichtiges Buch trotz aller Verallgemeinerungen im Buch.

 

M.Lehmann-Pape 2012