C.Bertelsmann 2014
C.Bertelsmann 2014

Yvonne Hofstetter – Sie wissen alles

 

Die Herrschaft der Maschinen

 

An den Börsen ist es schon längst Realität, zumindest in wichtigen Teilen.

Algorithmen treffen die wichtigen Entscheidungen. Kaufen und Verkaufen in Bruchteilen von Sekunden. Genau zu verstehen kaum noch von jemanden, selbst von den begabten Mathematikern der Investmenthäuser nur noch in Teilbereichen.

 

Man könnte sagen, dass die Menschheit zumindest einen gewichtigen Teil ihrer Herrschaft über ein gewichtiges Element der sozialen Gemeinschaft, das „Tauschmittel Geld“ und damit die Vermögenswerte der Welt bereits in die „Hände der Maschinen“ überantwortet hat.

 

Und Hofstetter sagt dies so auch.

 

Folgt man aber genauer den, trotz des teils polemischen Tons, überzeugenden und fundierten Betrachtungen von Yvonne Hofstetter im Buch, dann könnte es nicht nur an der Börse, sondern auch in vielen anderen wichtigen Teilen des menschlichen Lebens, bald mit der eigenen „Kontrolle“ völlig vorbei sein.

 

Alle relevanten „Informationen“ für eine solche „Herrschaft“ zumindest wurden bereits oder werden aktuell intensiv gesammelt.

 

Da trifft das kleine Beispiel vom Beginn des Buches sehr gut. Dass man einem Fremden aus Fleisch und Blut nach jahrhundertelangem Kampf für die individuelle Freiheit und die Privatsphäre sensible Daten über Kreditkarten, Wohnorte, Lebensverhältnisse und das eigene Einkommen kaum anvertrauen würde. Wohl aber sehr offen und mit zu wenig Widerstand den „kleinen elektronischen Helfern“ jede Menge „intimen Materials“ in die Fänge gibt.

 

„Unsere Gadgets lieben wir. Denn dem, den wir lieben, vertrauen wir alles an“. Freiwillig und wo es dann auch für gegenwärtige Begriffe zu sensibel werden könnte, da werden die Menschen eben heimlich abgehört.

 

Wie sich das entwickelt hat, wie es sich aktuell darstellt und wohin es folgerichtig führen wird, wenn keine „analoge Wende“ durch den Menschen eintreten wird, das weist Hofstetter sehr beredt, flüssig im Ton und sehr strukturiert in diesem Buch auf.

 

Auch wenn Hofstetter dabei versucht,  differenziert im Blick zu bleiben und durchaus auf die Möglichkeiten und Chancen der digitalen Welt zu verweisen, Seite für Seite mehr wird doch ein Fanal, eine teils auch polemische Darstellung erkennbar.

 

Durchaus  aber da, wo es eben nicht um persönliche Daten von Menschen geht, sondern um automatisierte, industrielle Abläufe, gesteht die Autorin der digitalen Entwicklung durchaus hilfreiches Potential zu, sieht Hofstetter auch die Vorteile der digitalen Welt. Die aber „im Griff“ behalten werden muss, was das Private angeht.

Nicht die „digitale Revolution“ an sich ist die Gefahr, sondern das Maß, welches die Datensammlungen annehmen, die fehlende Trennlinie zwischen „privater Freiheit und individuellem Intimraum“ und öffentlicher Bekanntheit.

 

Und, Polemik hin oder her, hier trifft Hofstetter durchaus einen Kern aktueller Problematik. Sowohl in der Politik als auch im geltenden Recht als auch in der verbreiteten, privaten Haltung eines sich „gerne Hineingebens“.

 

„Persönliche Daten sind der Konflikt des Jahrhunderts“, apostrophiert Hofstetter (und das nicht aus der hohlen Hand heraus).

 

Bis dahin, dass tatsächlich „Herrschaftsverhältnisse“ sich generieren. Bei Monopolen (wie Google). Bei „Big Data Finance“, bei „schmutziger Mathematik“. Alles richtet sich aus auf System „künstlicher Intelligenz“, deren Entwicklung sprunghafte Fortschritte aufweist. Und, wenn man nicht aufpasst, bald eigenständig in großem Umfange Entscheidungen treffen wird

 

Da ist es ein wichtiges Moment in all dem Geschehen, dass eine öffentliche Diskussion viel stärker erwächst und auch der einzelne seine Haltung reflektiert, seine Möglichkeiten erkennt und aktiv bereit ist, sich als private Person zu schützen.

 

Momente, für die Hofstetter im letzten Kapitel ihres Buches „Handwerkszeug“ liefert, Ansätze, wichtige Möglichkeiten, sich zu wehren und es eben anders zu denken und, vor allem, zu machen. Auf politischer Ebene zudem, denn dort, wenn irgendwo,  kann ein „gesunder“ Rahmen entschieden und umgesetzt werden, bevor die totale Überwachung lückenlos Realität sein wird.

 

 

Trotz mancher Einseitigkeiten ein verständliches und wichtiges Buch zu einem drängenden Thema der Gegenwart und der kulturellen Entwicklung der nahen Zukunft. Gegen die Gefahren für Demokratie und soziale Marktwirtschaft, die Hofstetter nicht müde wird, zu beschreiben.

 

M. Lehmann-Pape 2014