Beltz 2012
Beltz 2012

Alexander Noyon, Thomas Heidenreich – Existentielle Perspektiven in Psychotherapie und Beratung

 

Existenzphilosophie und existentielle Psychotherapie

 

Existentielle Ansätze in der Psychotherapie wenden sich, wie der Name schon sagt, existentiellen Fragen des Menschen zu. Psychotherapeuten wie vor allem Viktor Frankl haben hier in Bezug auf die Verbindung von existentiellen Lebensfragen und der Psychotherapie das Feld durchaus breit bereits bereitet. Wie aber gelingt es, Ansätze und Einsichten der existentiellen Fragestellungen praktisch und konkret in Therapien und Beratungen umzusetzen? Dieser Frage wenden sich Noyon und Heidenreich vor allem im zweiten Hauptteil ihres Buches intensiv zu, nachdem sie im ersten Teil die philosophischen und psychotherapeutischen Grundlagen sehr verständlich zunächst konzentriert darstellen.

 

In der Form verbinden die Autoren dabei sinnvoll Praxis und Theorie. Ein zugrunde liegendes konkretes Fallbeispiel wird zunächst theoretisch aufgearbeitet und sodann auf die praktische Arbeit mit Hinweisen, Impulsen und Überlegungen versehen, bevor eine Aufstellung von „Dos“ und „Don´ts“ die jeweiligen Kapitel abschließt.

 

In dieser Form der Betrachtung gelingt den Autoren durchaus, zum einen existentielle Ansätze in ihren Zielrichtungen genauer zu bestimmen und die dort im Fokus stehenden „Grunderfahrungen menschlichen Lebens“ wie Gewissen, Verantwortung, Schuld, Endlichkeit und Tod u.a. als wichtigen Teil in Beratung und Therapie zu konkretisieren. Dabei wird deutlich, dass es natürlich nicht „die“ Antwort auf die menschliche Grundverfasstheit gibt, dass aber die Beschäftigung mit diesen existentiellen Fragen oft in Beratung und Therapie oft mühsam und schwierig sich darstellt, Überforderungen in den Raum treten auch ob der vielfachen Weite und Breite solcher Sinn-Fragen.

 

Die Grundfrage nach dem „Sinn des Lebens“ aber ist eine den Menschen stets, leider allzu oft nur unbewusst, begleitende Frage. Aber ohne die Konstruktion oder die Wiederentdeckung von Sinn in der konkreten Arbeit mit einem konkreten Klienten hat „keine Form der Behandlung Aussicht auf Erfolg“. Sondern es droht, wie in einem der Fallbeispiele dargelegt, ein „Täglich grüßt das Murmeltier – Effekt“, ein beständiges Kreisen um die gleiche Frage und Problematik, ohne eine Lösung zu finden. Aus der Lektüre folgt natürlich nicht, sich „nur noch“ existentiellen Fragen  zuzuwenden. Durchaus aber stellen existentielle Ansätze und die im Buch genannten existentiellen Perspektiven eine wichtige Bereicherung der therapeutischen Arbeit da, wenn „die Konfrontation mit den grundsätzlichen Gegebenheiten des menschlichen Seins im Rahmen des Leidens eines Klienten bedeutsam ist“.

 

Hier geben die Autoren einen fundierten Einblick und durchaus praxisnahe Hinweise und Impulse für Frage- und Arbeitsfelder von Sinnlosigkeit, Lebensperspektive, Wertklärung, ebenso wie im Blick auf Schuldgefühle, Ablehnung von Verantwortung, Tod und Sterben, Unveränderliche Leidzustände, Isolation, Einsamkeit und Liebe, sowie der Suizidalität. Grundlegende und existentiell bedeutsame Fragen des Menschen. Wichtig vor allem aufgrund der Beobachtung, dass für jeden Klienten wahrscheinlich mindestens eines dieser Themen bedeutsam ist und sein wird. Neben den praktischen Hinweisen stellen Noyon und Heidenreich eine verständliche Betrachtung und damit Erläuterung dessen in den Raum, was existentielle Philosophie und Psychotherapie ist und zeigen so die wesentlichen Perspektiven des existentiellen Ansatzes in Philosophie, Psychotherapie und therapeutischer Praxis auf.

 

Das Buch ist durchaus verständlich formuliert und bietet einen fundierten und umsetzbaren Einblick in ein wichtiges, bis dato nicht immer zentral wahrgenommenes Feld der Grundfragen und Grunderfahrungen des Menschen. Sehr empfehlenswert.

 

M.Lehmann-Pape 2012