Kösel 2011
Kösel 2011

Annelie Keil – Auf brüchigem Boden Land gewinnen

 

„Wir bekommen die Voraussetzungen für das Laufen, bevor es soweit ist“

 

Voraussetzungen für das Laufen zu haben versteht nun Annelie Keil zu Recht nicht nur im wörtlichen Sinne (dann wäre die Aufgabe spätestens ab dem 3. Lebensjahr aber völlig erledigt), sondern als eine auch innere Grundgabe, Grundvoraussetzung des Lebens. Nicht nur die Füße, der ganze, auch innere Mensch, hat die Gabe, aber auch die Verantwortung für sich, „Laufen zu lernen“. Eben „Land zu gewinnen“ unter seinen auch seelischen Füßen.

 

„Leben ist das Abenteuer, das nie endet, aber jeden Morgen neu beginnt“.  Ein Prozess „im Wechsel zwischen Chaos und Ordnung“ und ein immerwährendes Spannungsverhältnis zwischen Leben und Tod. Mit all dem, was das Leben ausmacht, auch mit dem Tod übrigens, Freundschaft zu schließen und damit auch mit der eigenen Person, dass ist das Ansinnen und der rote Faden dieses verständlich und durchaus mit Tiefe versehenen Buches. Ein Buch, in dem sich die Autorin gerade auch jenem „brüchigem Boden“ zuwendet, der als Krisenzeiten im Leben auftaucht. Ein brüchiger Boden, dass ist die Kunst, der Annelie Keil nachgeht, der auch mal ausgehalten werden muss. Denn der “feste Boden“, dass ist ja zumeist nur der Boden, den man bereits kennt und wer nur auf diesem Boden sich bewegt, der wird keine Entwicklung erleben und damit auch nicht wirklich Laufen lernen.

 

Die Methode, die Annelie Keil hierfür an die Hand gibt, ist die der „Erfindung des eigenen Lebens“, besser zu verstehen nicht als reine Fantasiereise, sondern als „der Findung der eigenen Person innerhalb der eigenen Biographie.“ Diese gilt es zu erinnern und zu erforschen, genauer hinzusehen.

 

Anhand dreier „großer“ Themen (Biographische Erfindung des Lebens, Krankheit und Krise als biographischer Aufruhr und was tun mit der Fackel der Leidenschaft?) führt Annelie Keil in Form fast eines Lesebuches in die verschiedenen Bereiche der biographischen Arbeit im eigenen Leben ein. Immer mit der Aufforderung, der einfachen Wahrheit, der Motivation zu: machen Sie sich einfach auf“.

 

Gut gelöst im Buch und sehr einsichtig dargelegt ist dabei immer wieder das Thema des Mutes. Es ist nun  einmal so, dass, wer sich beweget, immer wieder auch auf brüchigem Boden landen wird. Dass diese Momente aber notwendig sind, der Entwicklung dienen, das wird Annelie Keil nicht müde, zu betonen und das ist eine durchaus wichtige Botschaft in einer auf Sicherheit ausgerichteten Welt. Vor allem, da sie nicht plakativ einfach nur auffordert, sondern sehr genau darzulegen versteht, dass man gar nicht drum herum kommt, in seinem Leben eben auch die Krankheit, die Krise, die Trennung zu durchleben. Und besser ist es dann, dies mit offenen Sinnen und annehmend anzugehen, als nur durch Krisen zu taumeln.

 

Manches im Buch erschließt sich sicherlich dem nüchternen Menschen durch Sprache Stil nicht auf den ersten Blick. Wenn es um „die Sprache der Krankheit“ geht oder „Selbstgespräche“ als probates Mittel der biographischen Arbeit angeführt werden u.a.. Doch  es lohnt sich durchaus, den Grundgedanken der Autorin zu folgen und das eigene Leben zu entdecken. So dass mit den eigenen Erfahrungen und den eigenen Ressourcen auch eine Versöhnung und „Freundschaft“ mit sich selbst und der Gesamtheit des eigenen Lebens möglich wird.

 

M.Lehmann-Pape 2011