Beltz 2007
Beltz 2007

Anton A. Bucher – Psychologie der Spiritualität

 

Spiritualität als Ressource

 

Eine Verbindung zu ziehen zwischen Spiritualität und spirituellem Erleben einerseits und Psychologie und Therapie andererseits ist traditionell kaum naheliegend (außer man betrachtet so manche Formen spirituellen Lebens als äußerst therapiebedürftig), inhaltlich jedoch ergeben sich eine ganze Reihe konstruktiver Affinitäten. So wundert es nicht, dass in den letzten Jahren diese Verbindung mehr und mehr einer Betrachtung zugeführt wird. Auch, weil zwar Formen institutioneller Religiosität deutlich nachlassen, das Bedürfnis nach individueller Spiritualität aber immens zugenommen hat.

 

In seinem Handbuch der Psychologie der Spiritualität wendet sich Anton A. Bucher dieser noch zu schließenden Lücke der Psychologie ausführlich zu. Ausgehend von der Bobachtung, dass das Thema Spiritualität in keiner Form Teil des Psychologiestudiums ist, Geist und Seele somit nicht thematisiert werden, konstatiert er, dass die Psychologie als ehemals angetretene „Wissenschaft von der Seele“ eben diese Seele weitgehend aus dem Blick verloren hat. Zu Unrecht, nicht nur, was eine gerade sich im Trend befindliche neue Entdeckung der Spiritualität fast als Mode betrifft, auch und vor allem, was den ganzheitlichen Blick auf den Menschen betrifft.

 

Gerade in dieser Hinsicht bricht Bucher eine Lanze für die Integration der spirituellen Seite in den Bereich der Therapie. Die spirituelle Möglichkeit des Mensch lässt sich nicht, wie Bucher betont, auf eine infantile Zwangsneurose nach Freud reduzieren, sondern bietet eine Vielfalt von konstruktiven Zugangsmöglichkeiten zum Leben und zum Bearbeiten von Problemen und Störungen durch den Klienten.

 

Im den ersten beiden Kapitel definiert  Bucher den Begriff Spiritualität und beschreibt den Ort im Leben und im Menschen, ebenso geht er der Frage nach, warum gerade gegenwärtig Spiritualität einen solch hohen Stellenwert erlangt. Ganz hervorragend und übersichtlich gelungen sind hier die qualitativen Studien zur Spiritualität und die Differenzierung der verschiedenen Formen (Transzendenz, Verbundensein, Gebet und Meditation u.a.). Gerade dieser Überblick verdeutlicht in nachvollziehbarer Sprache und logischen Argumenten die Verschiedenheit der spirituellen Möglichkeiten und sondert konstruktive Wege von Sackgassen aus.

Im 3. Und 4. Kapitel wird es praktisch. Auf welchen Wegen lässt sich Spiritualität entwickeln und welche Effekte spiritueller Übungen und einer spirituellen Haltung lassen sich beobachten?  In bester Weise adaptiert Bucher hier Fowlers Stufen des Glaubens und setzt diese in Verbindung u.a. mit einer Betrachtung zur Erhöhung von Lebenszufriedenheit und Wohlbefinden. Gerade dieser Teil des Buches der Verbindung von Spiritualität, psychischer Gesundheit und Reduktion von Stress öffnet an sich schon den Blick für die Breite der Möglichkeiten. Zudem, auch das wichtig, verschweigt Bucher nicht die schädlichen Seiten spirituellen Erlebens und spirituellen Missbrauches (z.B. in totalitären Gruppen).

 

So gelingt Anton A. Bucher eine fundierte und differenzierte Betrachtung der Spiritualität, ein Abschälen schädlicher Erscheinungsweisen (gegen die zu Recht viele Vorurteile bestehen) und ein Entblättern der konstruktiven Ressource Spiritualität für ein umfassendes und ganzheitliches, zufriedenes menschliches Leben.

 

Im letzten Kapitel setzt er den Fokus dann ganz folgerichtig auf die Integration spiritueller Haltung und spiritueller Elemente in die praktische Arbeit der Psychotherapie. Auch hier kommen kritische Stimmen nicht zu kurz, vor allem aber bietet das Buch ein Angebot an Interventionsmöglichkeiten durch spirituelle Elemente, ganz praktisch an der Arbeit mit Alkoholikern nachvollzogen.

 

Hervorragend informativ aufgearbeitet, differenziert in pro und contra aufgeschlüsselt, bietet das Handbuch einen sehr guten und übersichtlichen Einstieg in das Thema mit einer Vielzahl von praxisrelevanten Hinweisen und Erläuterungen. Vor allem aber entkleidet Bucher viele Vorurteile und Vorverständnisse in bester Form, so dass ein offener und damit nützlicher Zugang zur Verbindung von Psychologie und Spiritualität gewährleistet wird. Ein wichtiger Schritt auf dem Weg einer ganzheitlichen Betrachtung menschlichen Seins durch die Ergänzung relevanter Fachrichtungen und Erlebnisweisen.

 

M-Lehmann-Pape 2010