Klett-Cotta 2013
Klett-Cotta 2013

Arno Gruen – Dem Leben entfremdet

 

Der Verlust der Menschlichkeit

 

Effizienz ist eines der wichtigsten Wörter der Zeit geworden. Leistungsfähig, dynamisch, immer nachweisen, dass „man es noch bringt“.

 

In einer Gesellschaft, die auf Wettbewerb ausgerichtet ist, in der „Geiz ist geil“ lange ein geflügeltes Schlagwort war. Ein Wettbewerb, der nicht nur den Kunden die preiswertesten Angebote offerieren will, sondern der auch untereinander in eine „Wettbewerbshaltung“ bringt. Sei es im öffentlichen, beruflichen Leben, sei es im privaten „Hobby“, wo nicht wenige auch ältere Herrschaften mit aller Technik und Hilfsmitteln ausgerüstet verbissen für den nächsten Marathon trainieren. Die Bühne, wo man es „ so richtig zeigen kann“.

 

Das ist eine nicht unbedingt neue Ausgangslage, schon Erich Fromm hat vor Jahrzehnten zwischen „Haben und Sein“ unterschieden. In ähnlicher Zielrichtung mit einem ernsten Unterton und scharfem Blick wendet Arno Gruen in seinem neuen Buch den Blick auf unsere Lebensweise und Lebenshaltungen, vorrangig im Blick auf den „wirtschaftsorientierten Westen“. Wobei Gruen nicht in einer einfachen „Kritik am System“ verbleibt, sondern den Blick wesentlich tiefer richtet. In der Sorge um die zunehmende „Ersetzung“ des empathischen Denkens allein mit kognitiven Herangehensweisen.

 

Tiefer auf die Veränderung der „weichen“ Faktoren menschlichen Seins, der inneren Errungenschaften von Humanismus und Aufklärung. Der Fähigkeit, „miteinander“ das Leben zu gestalten, lebendig und empathisch. Und der Folgen auch im Umgang mit sich selbst, die eigene Werteleiter, in der Effizienz, ein erfolgreicher „Schein“, ein „mithalten um jeden Preis“ ganz oben stehen.

 

Was sich ausdrückt in einem „Leben in einer Scheinwelt ohne Mitgefühl“, wie Gruen formuliert und sehr, sehr überzeugend dem Leser nicht nur vor Augen, sondern auch „in die Emotion“ führt. Eine Beobachtung, eine Erkenntnis, die in diesem Buch fortführt, was Gruen in seinem früheren Werk „Der Verrat des Selbst“ bereits zum Schwerpunkt gesetzt hatte.

 

Vielfach sieht er die Zeichen am Horizont und benennt diese präzise und klar, wie sich die Lebensweise verändert, dem Menschen das Menschliche beginnt zu nehmen und die existenzielle Frage des „Sein oder Nicht-Seins“ drängend in den Raum tritt.

 

„Denken wir aber ohne Mitgefühlt (das, was Menschen gerne „realistisch“ nennen), dann leben wir in einer Scheinwelt aus Abstraktionen, die Kampf und Konkurrenz zu den Triebkräften unserer Existenz machen. In dieser Welt...... dominiert die Gewalt“.

 

Eine Diagnose, die Gruen durch vielfache Bereiche des alltäglichen Lebens nun durchdekliniert. Von den „großen“ Themen des Terrorismus und „Sublimierung und Machttrieb“ bis zu (auch heute noch nicht nur in südlichen Gefilden Europas und Afrikas verbreiteten) alltäglich erscheinenden Haltungen der „männlichen Ehre“.

 

Wobei Gruen auch bei diesen alltäglichen Themen kein Blatt vor den Mund nimmt.

„Männliche Ehre und andere Ammenmärchen“ zeigt klar auf, wie er all diese Versuche vermeintlicher „Alpha“ Tiere und die Grundhaltung von Konkurrenz und Kampf im Kleinen wie im Großen bewertet. Da, wo „Besitz“ das Selbstbild erzeugt und hierzu auch die eigene Frau, die Kinder, alles Mögliche mit gehören sollen.

 

Eine deutlich benannte Sorge aufgrund seiner Beobachtungen. In sachlicher, kühler Sprache. Sezierend, nicht lamentierend und daher umso beeindruckender für den Leser.

Natürlich geht und ginge es auch anders, wie Gruen ebenfalls aufzeigt. Bleibt zu hoffen, dass seine Diagnose und seine Wege „zurück zur Empathie“ nicht ungehört bleiben.

 

„Die Gier muss bekämpft werden“.

 

Ein kluges, sachliches, nichtsdestotrotz erschreckendes Buch, weil vieles von dem, was Gruen schreibt, für jeden Leser im Alltag beobachtbar und nachvollziehbar ist. Und ein überzeugendes Plädoyer für Mitmenschlichkeit statt Konkurrenz, für Sein statt Schein, für Leben statt „Stylen“ und „Haben müssen“, um das eigene Selbstbild zu stärken.

 

M.Lehmann-Pape 2013