Patmos 2012
Patmos 2012

B. Dorst, C. Neuen, W. Teichert (Hg.) – Gönnen und Neiden

 

Zur Entwicklung von Wohlwollen statt Missgunst

 

Großmütigkeit, Großzügigkeit, Freude am Wohlergehen des anderen, dies sind die erlebbaren und spürbaren Folgen dann, wenn wir anderen „etwas gönnen“. Und, natürlich, tragfähige Beziehungen, die daraus mit großer Wahrscheinlichkeit entstehen können.

Missbehagen über den Erfolg oder Besitz eines andern, Ärger, das Gefühl von Ungerechtigkeit, gar der Wunsch, dem anderen zu schaden, die sind die erlebbaren und spürbaren Folgen von Missgunst und Neid. Ebenso mit Folgen für die Beziehungen.

 

Beides, Gönnen und Neiden, sind Teile der Möglichkeiten, emotionale auf andere Menschen zu reagieren, wenig andere emotionale Zustände haben umgehend solche Auswirkungen auf die Entwicklung und die Qualität zwischenmenschlicher Beziehungen. Wobei der verbindende Punkt zwischen diesen beiden so unterschiedlichen „Aggregatzuständen“ durchaus darin zunächst zu finden ist, dass man „auf den anderen“ fixiert bleibt, konstruktiv oder destruktiv. Wobei die „Spurensuche“ sich durchaus noch dadurch erschwert, dass „der Neid ein verborgenes“ Gefühl ist, kaum und wenn, dann nur ungern, sichtbar gezeigt wird.

 

Auch wenn Neid auch eine durchaus anstachelnde, sich selbst dann fordernde Seite in sich trägt, letztlich gilt, was Verena Kast im Vorwort sagt: „Liebe ist stärker als Neid“ und ein konstruktives Miteinander langfristig befriedigender und befriedender als eine durch Neid vergiftete Beziehung, die den kurzfristigen „Erfolg“ durch „Schaden am Anderen“ sucht.

 

Verena Kast ist es auch, die im Buch gut verständlich die vielfältigen, meist verdeckten, oft auch der Person selber nur schwer zugänglichen Formen von Neid und Eifersucht beschreibt und die therapeutische Herausforderung formuliert. Das Empathie notwendig ist, ohne sich vom „bösen Blick“ oder der Scham des Patienten gefangen nehmen zu lassen und an „Neidauflösenden Situationen“ zu arbeiten. Hier finden sich kurze, aber prägnante Hinweise. Wichtig in diesen grundlegenden Einlassungen ist auch die Miteinbeziehung der Eifersucht, an allzu vielen Orten noch zumindest mit einigen positiven Schwingungen verstanden und damit den Blick verstellend auf die Störungen im Selbstwert des Eifersüchtigen und die destruktiven Auswirkungen auf (die och eigentlich so wichtige) Beziehung zum Partner.

 

Wie nun aber kann der „Perspektivwechsel“ gelingen? Was führt von den Gefühlen des Neides und der Missgunst in eine Haltung des „Gönnens“ und des Wohlwollens anderen gegenüber? Vor allem, da solche Gefühle ja zunächst nicht „gemacht“ werden, sondern jeweils überfallartig in den Raum treten? Wie wäre ein Weg zu strukturieren, der einen Menschen zu der Erkenntnis führt, dass er, entweder „selbst genug besitzt“ oder, andererseits, sich konstruktiv auf den Weg machen könnte, „das Seine für sich zu finden“, statt eben in emotionaler Ohnmacht und Missgunst anderen gegenüber zu verharren.

 

„Können wir sagen: „Ich habe mehr als genug“, dann müssen wir nicht neiden, sondern können gönnen“, so lautet die „Kernformel“ des Buches. Altbekannt aber immer noch wahr.

 

Doris Titze bietet interessante und ungewohnte Einblicke in einen möglichen „Perspektivwechsel durch kunsttherapeutische Methoden“, Alina Treiger zeigt mit ihrer Auslegung der „Kain und Abel“ Geschichte eine nachdenkenswerte Aufarbeitungen dieser alten und grundlegenden „Menschheitsgeschichte vom Neid“. Und Wunibald Müller trifft den Kern der Möglichkeiten: „Gönne Dich Dir selbst“.

 

 

Dieser Beitrag ist eine Art Dreh- und Angelpunkt im Buch und wäre durchaus als Einstieg in das Buch zu empfehlen. Denn hier wird Ziel, Richtung und Weg einer anderen Haltung deutlich und, vor allem, flankiert durch alle weiteren Beiträge im Buch, wird auch deutlich , „dass das geht“.

Selbst in tiefsitzenden „Fehlhaltungen“, wie Jorberg in Bezug auf „Geld“ und „Gier“ darlegt.

 

Der Leser findet hier keinen „Hau-Ruck Ratgeber“. Vom „Neid“ zum „Wohlwollen und Gönnen“ (können) ist es kein einfacher Weg und durchaus Anstrengungen sind gefordert (sowie in den meisten Fällen professionelle Begleitung). Aber ebenso deutlich wird in den einzelnen Beiträgen, dass ein solcher „Perspektivwechsel“ möglich ist im Rahmen einer eigenen, inneren Entwicklung. Denn destruktive Formen von Neid und Missgunst haben mehr mit dem eigenen Selbstwertgefühl, als mit dem, was andere einem tatsächlich voraus hätten.

 

M.Lehmann-Pape 2013