VS Verlag 2010
VS Verlag 2010

Boris Mayer, Hans-Joachim Kornadt (Hrsg.) – Psychologie – Kultur – Gesellschaft

 

Synergie statt Trennung

 

Psychologische und sozialwissenschaftliche Forschungen gehen in der Regel ganz eigene, oftmals getrennte Wege. Andererseits stehen, ob des Blickes beider Wissenschaften auf das Individuum und die umgebenden Systeme (Gesellschaft), eine ganze Reihe gemeinsamer Fragestellungen im Raume, die durchaus einer stärkeren, gegenseitigen Anregung der Forschungsrichtungen entgegenkommen würden. Das vorliegende Buch versucht (nicht zum ersten Mal), den gegenseitigen Nutzen einer stärkeren Zusammenarbeit aufzuweisen. Neu ist hierbei die Betonung einer kulturinformierten Perspektive. In dieser Betonung gelingt es den Autoren, einer ganze Reihe von Aspekten verbindende Elemente nachzuweisen und so tatsächlich einen wichtigen Schritt auf gemeinsame Arbeitsrichtungen zu gehen.

 

Bereits der einleitende Übersichtsartikel macht deutlich, wie sehr eine mehr verbindende und einander ergänzende Arbeit der einzelnen Forschungsgebiete einer Isolierung entgegenwirken könnte. Auf der Basis des Ansatzes der Völkerpsychologie nach W. Wundt wird benannt, dass die Psychologie diese öffnende Betrachtungsweise lange Zeit über sträflich vernachlässigt hat. In einer möglichen Hinwendung der psychologischen Forschung wieder zu Fragen des spezifisch menschlichem und damit vorliegenden Bewusstseinsphänomenen könnte hier eine Lösung aus erstarrtem experimentellem Denken liegen und die Verbindung zu den anderen Kulturwissenschaften in gemeinsam berührenden Fragen in guter Weise wieder gesucht werden.

 

Gerade das hervorragende Kapitel von Grossmann und Grossmann im Rahmen ihrer Forschungen zur Bindung legt in fundierter Weise die kulturellen Verbindungen des menschlichen Bewusstseins offen und erweitern damit den psychologischen Blick auf breiter Ebene in die Kulturwissenschaften hinein.

 

Auf dieser Basis werden viele der Einlassungen des Buches verständlich. Die entscheidende Komponente des kulturellen Systems bei der inneren Bewusstseinsbildung des Menschen zwingt die psychologische Forschung nachgerade dazu, sich den sozialwissenschaftlichen Erkenntnissen mit zu öffnen und diese mit zu berücksichtigen. Gleiches gilt umgekehrt, da Gesellschaften letztlich immer die Summe der Individuen darstellen, bedarf auch die sozialwissenschaftliche Forschung der Ergebnisse der Betrachtung der Psychologie.

 

So gelingt in weiten Teilen des Buches eindrucksvoll der Nachweis einer notwendigen, vor allem aber möglichen Verbindung von psychologischer und sozialwissenschaftlicher Forschung im Blick auf die kulturelle Identität und die hierzu maßgeblichen Faktoren.

 

Ein Nachweis, der in den beiden letzten Kapiteln durch Jürgen Schupp, Gert G. Wagner und Gisela Trommersdorff offenkundig aufgezeigt wird. Verhaltenswissenschaften sind unabdingbare Voraussetzungen für eine fundierte wirtschaftswissenschaftliche Studie, das zum einen, und aus kulturvergleichender Perspektive kann es nur eine Bereicherung sein, wenn psychologische, soziologische und wirtschaftswissenschaftliche Forschungen einander ergänzen und fördern.

 

Mit nachvollziehbaren und gehaltvollen Argumenten legen die Autoren im Buch zwingend eine gegenseitige Öffnung der genannten Forschungsrichtungen dar. Sicher ist nicht jeder Bereich der Forschung gleichermaßen im Fokus. Kontextfreie Forschung in der Psychologie oder die Konzentration allein auf die Untersuchung sozialer Systeme stellen hier Grenzen der gegenseitigen Verbindungen da.

Aber da, wo der Mensch als Individuum in seiner Wechselwirkung mit den anderen, in den Blick rückt, bedarf es offenkundig vieler Elemente, um ein gesamtes Bild zu erhalten.

 

Die Bereitschaft für diesen gemeinsamen Blick erfährt durch die Argumente der Autoren im Buch eine breite Grundlegung und somit sind die Autoren ihrem Ziel gerecht geworden. Es bleibt zu hoffen, dass ihre Argumente und die vielfachen Beispiele bereits jetzt gelungener gegenseitiger Befruchtung Gehör finden.

 

M.Lehmann-Pape 2010