Klett Cotta 2010
Klett Cotta 2010

Brisch, Karl Heinz, Hellbrügge, Theodor (Hrsg.) - Bindung, Angst und Aggression

 

Bindungsstörungen entgegnen

 

Nicht erst die fortschreitende Entwicklung und Vertiefung der Bindungstheorie durch John Bowlby und, für den deutschen Raum, Großmann und Großmann, verweist eindringlich auf die grundlegende Rolle der Bindungen für die soziale Entwicklung des Menschen. Der Mensch als soziales Wesen definiert sich letztlich grundlegend im Rahmen seiner Bezüge und Bindungen.

Die veränderte gesellschaftliche Realität, gekennzeichnet durch oft unkontrollierbare Zugänglichkeit umfassender Informationen, zu denen auch Gewalt und Pornographie wie selbstverständlich mittlerweile „dazu gehören“, und der Abbruch tradierter, gesellschaftlicher Formen führen zu einer neuen und notwendigen Betrachtung von Ursachen und Risiken aggressiver Verhaltensstörungen und zunehmender Gewalt gerade unter Kindern und Jugendlichen.

 

Karl Heinz Brisch (Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie) und Theodor Hellbrügge (Professor für Sozialpädiatrie) wenden sich diesem gegenwärtig drängenden Themenfeld als Herausgeber auf knapp 300 Seiten umfassend zu.

Den Ursachen und Risiken der Entwicklung aggressiver Verhaltensstörungen und psychischer Symptome durch familiäre Bindungen, gesellschaftliche Prozesse und politische, sowie kulturelle Gegebenheiten auf den Grund zu gehen und zu beschreiben, wie sich diese durch die frühe Beeinflussung der Gehirnentwicklung bis in das Erwachsenenalter hinein auswirken können ist das Leitanliegen des Buches.

 

In logisch aufeinander folgenden Kapiteln wenden sich die einzelnen Autoren, nach einer Grundlegung durch Henri Parens und Stephen J. Suomi im Blick auf Bindung, Angst und Aggression sodann einem weiten Themenspektrum zu.

 

Innere Beziehungsmuster unruhig-aggressiver Jungen, die allgemeinmenschliche Bindungssehnsucht und der Einfluss der Medien, die Verbindung zwischen medialer und realer Gewalt bilden einen ersten Themenblock. Der Bereich Kinderpornographie und dessen Verbreitung und Umsetzung im Internet folgen als zweiter Themenblock.

 

Im Weiteren richtet das Buch seinen Blick auf die Risiken und Problematiken einer destruktiven und aggressiven Familienumgebung mit einem Schwerpunkt auf traumatisierte Bindungen.

Zum Abschluss hin wenden sich die Autoren konstruktiven Möglichkeiten und Mitteln und Chancen der Prävention zu. Das hervorragende Kapitel von Eberhard Richter mit der grundlegenden und nachvollziehbaren Einlassung zur „seelischen Krankheit Friedlosigkeit“ setzt hier einen fundierten Anfang, Royston Maldoom mit seiner Tanzarbeit und der abschließende Blick auf die Prävention aggressiver Störungen in der kindlichen Entwicklung von Karl Heinz Brisch selbst eröffnen Antworten und Interventionsmöglichkeiten für die Begegnung gegenüber aggressiven Verhaltensweisen.

 

Seine Zusammenfassung gilt für das gesamte Thema: Möglichst früh Risiken entgegenwirken und, falls aggressive Störungen sich bereits entwickelt haben, möglichst schnell therapeutisch zu intervenieren, um einer Chronifizierung vorzubeugen ist das Gebot angesichts zunehmender Aggression bereits im Kindesalter.

 

Alle Kapitel sind verständlich und nachvollziehbar geschrieben, ohne es an ausführlicher Recherche und wissenschaftlicher Tiefe fehlen zu lassen.

Ohne Weitschweifigkeit nimmt das Buch in angemessener Form vorhandene und gesellschaftlich deutlich erkennbare Problematiken auf, erläutert Ihre entwicklungspsychologischen Ursachen und bietet Möglichkeiten, entgegen zu steuern.

 

So beantwortet das Buch in bester Weise die zu Grunde liegende Leitfrage, ermöglicht durch die Beleuchtung der Hintergründe Verständnis für Verhaltensstörungen, eröffnet auch privat und persönlich gangbare, erste Schritte für eine Bearbeitung aggressiver Verhaltensweisen und bietet darüber hinaus wichtige Hinweise für mögliche und weiterführende professionelle Hilfen.

 

Ein zentrales Thema, in bester Weise aufgenommen und einer möglichen Bearbeitung zugeführt. Für die praktische Arbeit im sozialen Umfeld ebenso geeignet wie als fundierte Information für Lehrer, Erzieher Eltern und interessierte Laien. Durch die jeweils für jedes Thema benannten Literaturhinweise ist das Buch ebenfalls gut für eine wissenschaftliche Weiterarbeit geeignet.

 

M.Lehmann-Pape 2010