Hanser 2014
Hanser 2014

Giovanni Frazzetto – Der Gefühlscode

 

Eine neurowissenschaftliche Betrachtung mit „Bick über den Tellerrand“

 

Thomas Gordon hat in seinen klientenzentrierten Trainings einmal postuliert:

„Gefühle sind!“ und Punkt.

 

Sprich, der Mensch hat wenig bis keine Kontrolle über das „sich Ereignen“ seiner Gefühle. Gefühle kommen und gehen und sind, letztlich für eine gesunde Persönlichkeit, einfach „zuzulassen“, unbewertet, denn, auch das stimmt, Gefühle sind ein wesentlicher und wichtiger, vielleicht der wichtigste Ausdruck, die „wichtigste Sprache“ der eigenen Person.

 

Was aber „macht“ Gefühle, woher kommen sie, wohin gehen sie, warum reagieren Menschen so unterschiedlich auf ähnliche Situationen? Kann man, zumindest, wenn schon nicht direkt Einfluss nehmen, dann zumindest „Wissen“ was Gefühle sind, was sie auslöst?

 

Kann man, zumindest sich dieser Frage sehr nah annähern, wenn man dieses Darstellung von Frazzetto liest.

 

 Wut, Schuld, Angst, Trauer, Empathie, Freude, Liebe. Das sind die sieben „Grundgefühle“ denen sich Frazzetto sehr grundlegend (und sehr ausführlich auch in den biologischen Methoden beschreibend) nähert. Wobei Frazzetto sich nicht scheut, in bester Weis da, wo die wissenschaftlichen Erläuterungen und Erklärungen an ihre Grenzen stoßen, interdisziplinär „über den Tellerrand“ hinauszuschauen in die Kunst und Philosophie hinein, mithin an jene Orte, an denen Menschen ihre Gefühle sichtbar und für die Nachwelt festgehalten ausdrücken.

 

Ein wichtiges Element für eine gelingende Lektüre bei einem solch auch komplexen Thema ist es dabei, dass Franzzetto durchaus nicht im Abstrakten verbleibt, nicht im luftleeren Raum dem Leser Vorgänge innerhalb des Gehirns nur schildert, sondern viel von sich erzählt, sich selbst quasi als „Anschauungsobjekt“ nutzt, dies dann in Relation zu anderen und deren verschiedenen „Gefühlsreaktionen“ zu setzen versteht und diesem Gesamten dann den wissenschaftlichen und kulturellen „Unterbau“ mit auf den Weg gibt. So ergibt sich eine sehr kurzweilige, in ihrem Fachwissen und den vielen Verästelungen beeindruckende Lektüre für den Leser letztlich über sich selbst, denn alles, was Frazzetto schildert kennt der Leser aus eigenem „Gefühlserleben“ in der ein oder anderen Weise durchaus.

 

Vor allem dann die Kunst dient Frazzetto  als Instrument der Interpretation. Denn genauso, wie Naturwissenschaftler in den letzten Jahrzehnten mehr und mehr der Gehirntätigkeit (und damit der „Chemie der Gefühle“) auf ihre Weise sachlich erforscht und entziffert haben, genauso haben Künstler und ihre Kunstwerke den Menschen Gefühle und deren Interpretationen intuitiv und subjektiv vor Augen geführt.

 

Mit seiner sehr flüssigen Sprache gelingt Frazetto so ein wunderbares Portrait der  Grundgefühle. Ebenso, wie er aufzeigt, dass es keine einfachen Antworten und einfachen „Schwarz-Weiß“ Strukturen im Gefühlserleben der Menschen gibt, ebenso bietet er Interpretationen intuitive Zugänge und damit eines tieferen intuitiven Verständnisses des Lesers, was die eigenen Gefühle angeht in diesem beachtenswerten Buch.

 

So gilt, was Frazetto für die „Wut“ formuliert, letztendlich für alle Gefühle:

 

„Ein krudes Gefühl, eine mächtige Kraft, oft nur schwer zu unterdrücken“.

Natürlich verbleibt nach der Lektüre, ehrlicherweise, dieses „krude“ der Gefühle im Raum stehen, aber wie gefiltert und erläutert nach den vielen Hinweisen, die Frazzetto aus allen Richtungen dem Leser mit auf den Weg gibt.

 

 

Eine sehr empfehlenswerte Lektüre.

 

M.Lehmann-Pape 2014