Klett-Cotta 2014
Klett-Cotta 2014

Hans Hopf – Die Psychoanalyse des Jungen

 

Kompetent und verständlich

 

„In den 90er Jahren begannen Jungen zum Problem zu werden“.

 

Vor allem stehen seitdem immer mehr ADHS Diagnosen im Raum, aber auch ein spürbares Bildungsgefälle zu gleichaltrigen Mädchen und quantitativ zunehmende massive Probleme mit der Affektbeherrschung.

Erscheinungen, so Hopf, die es „schon immer gab“, durch „neue“ Diagnosen und Medikamente aber in ihren Ursachen nicht mehr unbedingt in den Blick gelangte.

 

Gegen ein solches „Bearbeiten der Symptome alleine“ wendet sich Hopf in diesem Buch (nicht nur in Bezug auf ADHS) nun entschieden.

Er nutzt die Beobachtung der „Auffälligkeiten bei Jungen“, die seit nun doch zwei Jahrzehnten im Fokus der Diskussion stehen, um in großer Breite, sehr fundiert und sehr grundsätzlich der „Seele des Jungen“ auf der Basis der verschiedenen psychoanalytischen Ansätze nachzugehen.

 

Was ist und wie finden Jungen ihre Identität? Welche Faktoren sind für die erfolgreiche „Suche nach Identität“ förderlich, welche hinderlich?

 

Strukturiert und gründlich legt Hopf die Kernbeziehungen und Kernfaktoren vor Augen.

 

„Mutter und Sohn“, „Vater und Sohn“, die „Triebentwicklung des Jungen“, „Latenz heute“, die schwierige Phase der „Adoleszenz“, der Blick auf das „Elternpaar“, „Brüder und Schwestern“, eine sehr ausführliche und sehr verständliche Darlegung zur „Aggression des Jungen“ (jener Ort, an dem am meisten „auffällig“ wird, von außen gesehen), die „Externalisierung“ (mitsamt der „Lust an den äußeren Welten“ (Abenteuer) und der Faszination für „unbelebte Dinge“ (Technikbegeisterung), die „Sehnsucht nach der Weite“ u.a. finden hier ihren Platz) werden Schritt für Schritt angegangen und münden im letzten Kapitel des Buches, „Jungen und Aufmerksamkeit“.

 

Alle Themen werden sorgfältig und verständlich dem Leser dargeboten.  Sowohl, was den aktuellen Stand der psychoanalytischen Ansätze angeht, wie vor allem die sachlichen und zielgerichteten Interpretationen, die Hopf aus diesen Erkenntnissen heraus entfaltet.

 

Immer wieder taucht im Hintergrund und, in Teilen, stark betont Hopfs Haltung zur „Diagnose ADHS“ auf. 1991 lagen 1500 dieser Diagnosen vor, 2011 waren es bereits 757.0000 Kinder, davon sind 75% Jungen gewesen, Tendenzen steigend.

 

So überzeugen allein diese Zahlen davon, dass hier ein Krankheitsbild besonders entfaltet worden ist, auch von medizinischer und gesellschaftlicher Seite heraus.

 

Hopf verweist nachdrücklich auf die moderne „Reibung der Sozialisation eines männlichen Kindes“, welches einerseits immer noch und klassisch eine Idealisierung „männlicher“ Affekte wie Erregung, Wut, Verachtung in sich trägt, andererseits aber in der modernen „zivilisierten“ Welt „von Beginn an unangenehme Emotionen sediert“ werden.

 

Damit steht im Raum: „alles gerät außer Form, die Körper ebenso, wie die Wünsche“.

 

Nun ist es nicht diese „Formlosigkeit“ und eine damit einhergehende Desorientierung für Jungen allein, die zum aktuellen Stand der „Problematik des Jungen“ führen, dennoch ist die Beobachtung eine wichtige und entscheidende: „Wir haben offenbar familiäre und gesellschaftliche Bedingungen geschaffen, die Jungen (zumindest in höherer Zahl) immer unruhiger werden lassen“.

 

„Unsere Gesellschaft produziert unruhige Kinder, aber sie erträgt sie nicht“. Man geht aber auch nicht an die Ursachen der Symptome, sondern „stellt still“.

 

Bei der Lektüre wird daher deutlich, wie sehr eine Gemengelage zwischen „natürlichem Entwicklungs-Trieb“, familiärer Situation und gesellschaftlicher Sanktion immer für die Wertung von Affekten bestimmend die „Suche nach Identität“ des Jungen stark beeinflussen.

 

Dies ist im Übrigen bei weitem nicht die einzige Erkenntnis, die der Leser aus diesem hervorragenden Buch zieht.

 

 

Eine umfassende, sehr verständliche und sehr fachkundige Darlegung, die zum Verstehen der Entwicklung des Jungen, der vorherrschenden gesellschaftlichen Bewertungen und der Reibungen, die daraus entstehen (wie zu allen Zeiten Reibungen entstanden, aber weniger als „Krankheit“ definiert wurden) in bester Weise verhelfen und je konstruktive Alternativen zu benennen versteht. Gleichermaßen geeignet für Eltern, Erzieher, Lehrer, Psychologen und Mediziner.