C.H.Beck 2012
C.H.Beck 2012

Hans-Joachim Maaz – Die narzisstische Gesellschaft

 

Bedürftige Orientierungslosigkeit

 

„Der narzisstische Mensch ist im Kern ein um Anerkennung ringender, stark verunsicherter Mensch“.

 

So leitet der Psychoanalytiker Maaz seine Betrachtung der Ursachen nicht nur der Finanzkrise, sondern vielfacher Krisen der Gesellschaft ein. Ursachen, die sich in „Gier“ vordergründig ausdrücken, eine Gier, die nicht nur auf ein reines Mehr an spekulativen Gewinnen aus ist, sondern auf ein ganz grundsätzliches „Fass ohne Boden“ verweist. Auf ein ständiges Ringen um Anerkennung von Außen, ungeachtet der Erkenntnis, dass die Befriedigung des Menschen von Außen nach Innen kaum möglich ist. Daher ist es folgerichtig, wie bei jeder Sucht, dass die Dynamik zunimmt, ein „Immer mehr“ im Raume steht, welches ebenso „immer mehr“ unbefriedigt zurücklässt und die Spirale der Gier damit noch weiter und noch mehr in Gang setzt.

 

Diese Erkenntnisse sind nicht neu, die narzisstische Störung durchaus gut bekannt. Interessant aber ist es durchaus, wie es Maaz durchaus überzeugend gelingt, die individuelle Pathologie des Narzissten zum einen nachvollziehbar und verständlich darzustellen und zum anderen auf eine allgemeine gesellschaftliche Befindlichkeit zu übertragen.

 

Die immer höhere Geschwindigkeit, die immer deutlicher reine Ich-Bezogenheit, die immer größeren Summen, die im Raume stehen, die erkennbar mangelnde gesellschaftliche Einsicht auch in direkter Krise, alles Zeichen, die auf eine sich potentiell immer schneller steigende narzisstische Sucht hindeuten. Wobei Maaz nicht müde wird, als Ursache all dieser Symptome die „mangelnde Liebe“ zu benennen. Eine Konstellation, die er durchaus drastisch als breites, gesellschaftliches Wechselspiel von „Vampiren“ (Größenselbst) und „Schmarotzern“ (Größenklein“ darstellt.

 

„Machogehabe, Stärkekult, Zwang zum Siegen, gandenloser Konkurrenzkampf, Wachstumsfetischismus und eine gierige Finanzwirtschaft sind Ausformungen narzisstisch-männlicher Kompensation“ und auf der anderen Seiten finden sich in Markenfetischismus, Diätwahn, Mode und Schönheitsidealen entsprechende weibliche Kompensationen, die mittlerweile einander durchweben und ein Gesamtbild einer Gesellschaft ergeben, die sich im Gesamten hochgradig nach äußerer Anerkennung als Triebfeder ausrichtet.

 

Im Gesamten bietet Maaz eine flüssig erläuterte und leicht nachvollziehbare Darstellung zunächst der narzisstischen Störung in vielfacher Hinsicht, in die er hier und dort Verweise zur gesellschaftlichen Dimension einfließen lässt. In den letzten Kapiteln des Buches verdeutlicht er dann fundiert, die gesellschaftliche Dimensionen der Störung.

 

Im letzten Kapitel gibt er einen konstruktiven Ausblick, der in seinen Augen nicht von Politikern oder Wählern gegenwärtig ausgehen kann. Sondern in der Faktion der Nicht-Wähler, derer, die sich abgewandt haben von den Kompensationen der Öffentlichkeit und in der Gruppe derer, die eine grundlegende Veränderung für richtig und wichtig hält sieht Maaz das alleinige Potential für eine „demokratische Revolution“

Ein dynamischer Prozess, der in seinen Anfängen durchaus mit einer individuellen Therapie vergleichbar sein dürfte

Mit einem idealistischen Aufruf endet somit dieses interessante Buch und mit dem Wissen des Lesers (und des Autors) dass diese Vision noch utopisch im Raume steht und nicht Massenkompatibel sein wird. . Aber auch mit der wachsenden Überzeugung (auch durch die Argumente, die Maaz vorträgt), dass ein „weiter so“ nicht mehr auf Dauer funktionieren kann und „Wachstumsideologie“ und „Leistungsgesellschaft“ an sich selbst zerbrechen werden.

 

Ernüchternd durchaus, was Maaz an Schüssen zieht, durchaus aber auch mit dem konstruktiven Verweis auf die eigene Reflexion versehen, andere Wege auch für sich selbst zu suchen. Denn es gibt sie. Das lässt sich durchaus bewegend nachlesen in der offenen, persönlichen Geschichte, die Maaz als Fallbeispiel im Epilog des Buches schildert.

 

M.Lehmann-Pape 2012