Patmos 2012
Patmos 2012

Heinz-Peter Röhr – Borderline bewältigen

 

Eine umfassende Einführung in das Krankheitsbild und dessen Bewältigungsmöglichkeiten

 

Zur Einführung und als Struktur seines Themas bietet Heinz-Peter Röhr das Grimm´sche Märchen „Hans, mein Igel“, in dem die Borderline-Störung (als „Frühstörung“ gekennzeichnet) ihren märchenhaften und symbolischen Ausdruck findet. Wobei nicht nur dieses Märchen und seine Deutung, sondern das ganze Buch von Röhr dahingehend konzipiert wurde, den Betroffenen und den Menschen ihrer Umgebung einen „Zugewinn an Verständnis und Information“ zu ermöglichen.

 

Dies ist wichtig, zu wissen, denn im Untertitel „Hilfen und Selbsthilfen“ schwingt ein wenig missverständlich eine Assoziation von „ganz selber bewältigen“ mit.

Dies wäre bei einer Borderline-Störung schlechterdings nicht möglich, eine professionelle Begleitung ist unabdingbar. Durchaus aber verweist Röhr zurecht darauf, dass die Störung ja erst einmal vom Betroffenen erkannt werden will und, unter Umständen, in einer Selbsthilfegruppe Wege zur Überwindung mit begleitet werden könnten.

In dieser Hinsicht verstanden ist das Buch tatsächlich eine große Hilfe in „verzweifelten Zuständen“, die „einfach so“ selbst nicht näher zugeordnet werden können. Um die eigene Störung zu erkennen und mit den weiterführenden Informationen, die Röhr im Anhang gibt, tiefer verstehen zu lernen, dafür ist dieses Buch ganz hervorragend geeignet.

 

Ein gut geeigneter Einstieg (nach Lesen des Märchens) sind zunächst die beiden Fallgeschichten, die Röhr im Anhang des Buches aufführt. Viel Typisches bietet dem Leser einen Wiederkennungswert und legt so eine gute Grundlage, sich dann dem Hauptteil des Buches, der „Episoden“ der Störung (Drama, Spaltung, Wut, Flucht, Leistung, Beziehung, Heilung und vieles mehr) zuzuwenden. Ein Durchgang durch die Stationen und Erscheinungsformen der Störung, lehnt Röhr eng an das Märchen „Hans mein Igel“ an und deutet die Symptome und den therapeutischen Weg auf der „Blaupause“ dieses Märchens. So schafft Röhr im Buch eine ganz eigene Atmosphäre schafft, die mit Symbolen und teils Bildsprache arbeitet, um den Leser die Welt der Borderline-Störung intellektuell und zugleich emotional nahe zu bringen. Auch dies gelingt durchaus im Lauf der Lektüre, die in diesem Stil eben kein abstraktes wissenschaftliches Fachbuch vor Augen führt, sondern die fundierten Erkenntnisse breit nachvollziehbar darstellt.

 

Dies korrespondiert mit einem der Hauptanliegen des Buches: „Jeder Mensch musste so werden, wie er geworden ist“. Eine Einsicht, die vor allem zunächst einmal gerade Borderline Betroffene entlastet. „Warum kannst Du nicht so normal sein, wie andere auch“? Weil das eben nicht geht und Betroffene  die Fähigkeit nicht besitzen, sich „angemessen“ im Leben zu verhalten. Es gehört zur Heilung, zu verstehen, dass alle Versuche, sich selbst zu helfen, auf dieser Basis zunächst zum scheitern verurteilt waren. Und dennoch alle Fehler gemacht werden mussten, um den Borderline-Weg mit Genesungsaussicht zu durchschreiten. Denn die eigene „Kapitulation“ ist ein wichtiger Schritt im Blick auf eine Genesung. Wie Röhr nicht müde wird zu betonen: In seiner Arbeit hat es sich umfangreich bewährt, den Patienten die Störung in ihren einzelnen Aspekten immer wieder deutlich zu erklären

 

Heinz-Peter Röhr stellt empathisch und fundiert den Weg aus der Borderline-Störung heraus anhand eines Märchens dar, greift auf seine vielfachen eigenen Erfahrungen dabei zurück und erläutert Schritt für Schritt den therapeutischen Weg. Ein überzeugendes Standardwerk zur Borderline-Störung.

 

M.Lehmann-Pape 2012