Pattloch 2015
Pattloch 2015

Jens Förster – Was das Haben mit dem Sein macht

 

Zur Balance zwischen Haben und Sein

 

 

In Anlehnung an Erich Fromms bahnbrechendes Werk (in dem, verkürzt, das „Haben“ mehr oder  minder nicht mehr als ein notwendiges Übel gewertet wird und im äußersten Gegensatz zum (eigentlich bedeutenden) „Sein“ steht. Als die eigentlich anzustrebende innere wie äußere Haltung), erweitert und setzt Jens Förster nun die Auseinandersetzung mit den beiden Kräften im Menschen, den beiden Bedürfnissen, den beiden Lebensformen fort.

 

Ebenso, wie bei Fromm, geht es auch bei Förster um das „Erwachsen-Werden“, um das Verlassen eines Zustandes des „ewigen Säuglings“, wie Fromm es bezeichnet. Dies aber nun um einiges differenzierter angelegt als bei Fromm.

 

Wobei Förster natürlich in den Grundzügen Fromm zustimmt, das das „Haben“ sich auch auf „nicht-materielle Gegenstände“ erstreckt und auch Ideologien, Haltungen mit „aufsaugt“. Die treffenden Beispiele der „Vermarktung“ von „Achtsamkeit, Wellness, Bio“ etc. in Form von (immer noch Billig-) Produkten in Supermärkten spricht hier Bände, wie jede Idee, jede innere Form des Suchens umgehend dem Markt zugeführt wird.

 

Dennoch:


„Hier trennen sich unsere Sichtweisen….glaube ich, dass jeder Mensch sich widersprechende Haltungen…..im Kopf hat“. Die eben, nach Förster, erst einmal, „Sein dürfen“ und dennoch nicht unverändert stehen bleiben sollten, will der Mensch tatsächlich befriedigend zu sich selber finden.

 

Der (immer noch, trotz Konflikten um eine konkrete Studiendatenerhebung) renommierte Sozialpsychologe Jens Förster folgt in den Darstellungen seinem bekannten Stil, sehr flüssig und verständlich Forschungsergebnissen der Psychologie mit philosophischen Überlegungen und immer dem konkreten Blick auf das Individuum aufzubereiten und in der Konklusion argumentativ überzeugende Zusammenhänge offen zu legen.

 

„Wir haben ein Problem“.

 

Was sicher keine unbedingt neue Erkenntnis ist (immerhin beruht die gesamte psychologische Wissenschaft auf einem solchen Postulat).

Dennoch aber bietet Fördert in sehr differenzierter, klarer und eben überzeugender Form seine Analyse der Problematik des konkreten, allgemeinen Problems  eines „Immer mehr“ an Konsumverhaltens (und „Haben Wollen“ in anderen Formen) und des demgegenüber doch eher wenigen substanziellen „Ertrags“ für das innere Wohlbefinden des Menschen an.

 

Wobei Fördert nicht müde wird, immer wieder ganz praktisch und praktikabel Vorschläge zu gestalten, Impulse zu setzen, wie das „Sein“  mehr in den Mittelpunkt der Lebensführung rücken könnte. Ohne das „Haben“ dabei vollständig zu verteufeln.

 

„So viel wie nötig, so wenig wie möglich“, das könnte ein Leitsatz der Bewertung des persönlichen Energieaufwandes für das „Haben“ sein, was natürlich dann je individuell zu füllen ist.

 

Dass die „Versionen des Habens“ dann den Leser durchgehend „ertappen“ und erschrecken ist ebenso der klaren Sicht Försters geschuldet, wie die „Versionen des Seins“ tatsächlich bei der Lektüre motivieren und für eine innere Reflexion sorgen, die den Hinweisen Försters und der Skizze eines „Seins“ zustimmend folgt. Denn, letztlich, bei allem Verständnis, das Förster entfaltet und bei allem, was er dem modernen Menschen an „Haben“ zugesteht, all dies dient am Ende nur der Vorbereitung seines Ergebnisses aus aller Analyse:

 

„Wie wäre es denn mit Sein statt Haben“. Und das mit einer interessanten und nachhallenden „hedonistischen“ Komponente, die Förster überzeugend vertritt und in der viele Ergebnisse seiner Arbeit im Rahmen der Motivationspsychologie in guter Weise zusammenfließen.

 

Eine rundum empfehlenswerte Lektüre, locker im Ton und gehaltvoll im Inhalt mit sehr vielen lebensnahen „Griffen in die Praxis“ und den Alltag.


M.Lehmann-Pape 2015