S.Fischer 2013
S.Fischer 2013

Jesper Juul - Aggression

 

Aggression ist legitim und durchaus wichtig

 

„Sei brav!“, ist eine oft gehörte Ermahnung seit alters her. Auch wenn die Ansprüche an ein „Wohl erzogen Sein“ in den letzten Jahrzehnten sich deutlich gelockert und geändert haben, spätestens da, wo ein aggressives Verhalten von Seiten eines Kindes in den Raum tritt, endet meist jede (innere und äußere) Toleranz. Nicht nur im direkten und weiteren Umfeld, auch bei Eltern selbstUnd sollte dem gar nicht Einhalt geboten werden können mit den üblichen Mitteln, dann ist der Stempel „schwer erziehbar“ für ein solches Kind nicht mehr weit.

 

Der Lehrer und Familientherapeut Jesper Juul bricht nun nicht einfach als „Gegenpol“ eine unbedingt Lanze für jedwedes aggressives, lautes, bedrängendes Verhalten, nähert sich dem Thema der Aggression aber von einer ganz anderen als der gewohnten Seite. Er betrachtet ein solches Verhalten in erster Linie nach den wichtigen und positiven Kräften der Aggression.

 

Es geht um das Selbstwertgefühl (akut und späterhin). Es geht um vorhandene, echte Emotionen, die als solche zunächst wahrgenommen werden müssen, denn sie sind ja da und nicht ohne Grund. So stellt Juul die Aufgabe in den Raum, sich der Aufgabe zu stellen, die jeweils individuellen „Botschaften“ aggressiven Verhaltens zunächst verstehen zu lernen, um dann eine andere Form eines konstruktiven Umganges mit solchen zu finden. Ein Umgang, der allein schon (von Gordon und Rogers lang und gut bekannten) mit der Frage startet, wer eigentlich das Problem hat. Viel zu schnell und zu oft wird einem entsprechenden Verhalten umgehend „das Problem“ zugewiesen, ohne zu verstehen, dass zunächst genau die Person das Problem hat („Problemträger“ ist), die in ihrer Befindlichkeit gestört ist, innere Unruhe erlebt. Und das ist zunächst eher das Umfeld, während sich das Kind mitaggressivem Verhalten vielleicht ganz mit sich in eins verhält.

 

Durchaus mit Ernst legt Juul genügend Beispiele vor von „Vernachlässigung“ von Kindern, von erlebter Gewalt (und sei diese auch nur psychischer Art). Und unterscheidet im Übrigen sehr wohl zwischen „traditioneller Gewalttätigkeit“ z.B. bei Jugendlichen mit Fäusten, Schlagstöcken und anderem und einem aggressiven Verhalten, das er eher als natürliche Folge der Entwicklung oder aufgrund vorhergehender Erlebnisse betrachtet.

 

Ein Umdenken, dem mit einem einfachen „Ich verstehe Dich ja. Hör auf, so wütend zu sein“ nun wirklich nicht genüge getan wird. Ein beständiges „dem Kind das Problem zusprechen“, das an einer konstruktiven Lösung vorbeigeht und das Verhalten eher noch verstärkt.

 

Es geht zudem im Buch nicht nur um eine Erklärung solchen Verhaltens, es geht um die Fertigkeiten bei Erziehern, Pädagogen, auch Eltern, mit „starken Gefühlen“ einen Umgang zu finden, der den Ursachen dieser Gefühle Rechnung zollt.

 

„Konstruktive Aggression ist wie Sexualität  oder Liebe. Alle drei machen das Leben möglich, bereichern unsere Beziehungen, führen zu tieferen Einblicken und einer besseren Lebensqualität“. Wenn man für sich und mit anderen einen konstruktiven Umgang mit diesen Grundgefühlen der Existenz findet und sie nicht nur „an den Rande schiebt“, weil außer stringentem „Glücklichsein“ kaum mehr ein starkes Gefühl opportun zu sein scheint.

 

Ein wichtiges Buch, um auch sogenannten „nicht statthaften“ Gefühlen Raum zu geben, zu verstehen, dass „der Weg das Ziel ist“ und eine Integration der (in jedem Menschen vorliegenden) aggressiven Tendenzen, Verletzungen mitsamt der Fähigkeit zu Ärger und Wut zu befördern.

 

M.Lehmann-Pape 2013