vandenhoeck und ruprecht 2009
vandenhoeck und ruprecht 2009

Jochen Schweitzer und Arist von Schlippe – Lehrbuch der systemischen Therapie und Beratung II

 

Das Lehrbuch bildet, nach dem ersten Band von 1996,  den nun zweiten Teil zum störungsspezifischen Wissen der systemischen Therapie. Ziel des Lehrbuches ist es, die allgemeinen theoretischen und methodischen Grundlagen der systemischen Therapie für die Praxis im Blick auf Therapie, Begleitung  und Beratung psychischer und körperlicher Störungen nutzbar machen.

 

Um es vorweg zu nehmen, dieses Ziel ist den Autoren mit dem Lehrbuch bestens gelungen.

 

Gerade der andere, systemische Blick, der weniger die entsprechenden Störungsbilder in den Mittelpunkt seiner Aufmerksamkeit stellt, sondern vielmehr den Fokus auf die Zusammenhänge des Systems richtet, um sodann durch die Gestaltung eines Kooperationskontextes mit gesundheitsförderlichen Beziehungsmustern positiv einzugreifen, erhält hier einen verständlichen und sowohl argumentativ wie empirisch nachvollziehbaren Stellenwert.

Diese systemische Betrachtungsweise ist es, die in klassische medizinische Störungsbilder anders und, durchaus messbar, teils erfolgversprechender eingreifen kann mit ihrem konsequenten Ansatz, das Denken in „Störungen“ zu durchschreiten, um die Fokussierung auf eine defizitäre Konstellation zu überwinden und konstruktive Systeme und Ressourcen für den jeweiligen Klienten nutzbar zu gestalten.

 

Im Aufbau des Buches erfolgt im ersten Kapitel zunächst eine grundsätzliche Überlegung zur systemischen Therapie als Behandlung von Krankheiten. Hier richtet sich der Blick auf das gegenwärtige Krankheitsverständnis und die vorherrschende Diagnostik ebenso, wie die Kernkompetenzen der systemischen Therapie benannt werden und die Möglichkeiten eines systemischen Grundlagenverfahrens ausgelotet werden.

 

Nach dieser, zum Teil deutlich theoretisch-abstrakten Grundlegung erfolgt im weiteren Verlauf des Buches die Herstellung der Verbindung zwischen systemisch theoretischer Grundlegung und Praxis.

 

Das anschließende, zweite Kapitel, setzt die systemische Therapie mit Erwachsenen in den Mittelpunkt und geht anhand klassischer und durchaus verbreiteter Krankheitsbildern (Schizophrenie, Depression, Angststörungen, Zwänge, posttraumatische Belastungsstörungen, Borderline, Schmerzstörungen, Essstörungen, Süchte, sexuelle Disfunktionen und suizidale Krisen) den Möglichkeiten und der anderen Qualität des systemischen Ansatzes in theoretischer Beschreibung und einer Fülle von Praxisbeispielen nach.

Anhand der ständigen Nähe zur theoretischen Grundlage und der klaren Aufzeigung praktischer Therapiewege wird in allen einzelnen Betrachtungen nicht nur deutlich, wie konstruktiv systemische Ansätze bei den jeweils besprochenen Störungen zur Anwendung gelangen können, sondern auch methodische Elemente, mögliche Interventionen und erfolgreiche Strategien werden beschrieben und verhelfen so zu einem fundierten Einblick in die eigenen Möglichkeiten als Therapeut und Berater.

 

Die hier, wie auch in den folgenden Kapiteln und Unterkapiteln vorliegende, jeweils ausführliche, Beschreibung der „Entstörung“ macht dieses Buch zu einem hervorragend nutzbaren Lehrbuch erster Güte.

 

Im dritten Kapitel steht, nach der Erwachsenentherapie, die systemische Kinder- und Jugendlichentherapie im Mittelpunkt.

Nach einem kurzen Einblick in die Besonderheiten des Settings der Kinder- und Jugendtherapie erfolgt auch hier eine je konkrete Betrachtung auf vorherrschende Krankheitsbilder hin. Von Fütter-Schlaf- und Schreistörungen über Entwicklungsstörungen und einem hervorragenden Unterkapitel zu ADHS Störungen reicht der Bogen bis hin zur Dissozialität und Gewalt.

 

Im dritten Kapitel wenden sich die Autoren der Familie und möglicher belastender medizinischer Störungsbilder zu. Krebs, Transplantationsproblematiken, unerfüllte Kinderwünsche, chronische Kopfschmerzen Asthma und juvenile Diabetis stehen hier für umfassend betrachtete Beispiele sinnvoller, und letztlich notwendiger, systemischer Intervention.

 

Jedem der drei praxisbezogenen Kapiteln ist zunächst ein einführende Betrachtung des Spezifika des Themenfeldes vorangestellt, jede der Störungsbetrachtungen an sich ist unterteilt Betrachtungen des medizinischen Kontextes, Entwicklungsfaktoren der Störungsbilder, Darstellungen der Störungen und eine jeweils verständliche und hilfreiche Einlassung zur möglichen Entstörung.

 

Durch den jederzeit erkennbaren und gleich gestalteten strukturellen Aufbau ist es ein leichtes, sich mit den einzelnen Störungsbildern (noch einmal) vertraut zu machen und die spezifisch systemische Sicht und Herangehensweise in Theorie und praktischer Methodik nachzuvollziehen, anzueignen und umzusetzen.

Das ausführliche Literaturverzeichnis bietet jederzeit die Möglichkeit, an einzelnen Punkten vertiefend weiter zu arbeiten.

 

In komplexer Sprache verfasst und  mit wissenschaftlicher Tiefe versehen, richtet sich das Lehrbuch vorrangig an Menschen der medizinisch-psychologischen und beratenden Praxis und dient ebenso als Lehrbuch, wie als konkretes Nachschlagewerk.

 

Im Gesamten bietet das Lehrbuch eine hohe Qualität und Hilfestellung für die praktische Arbeit und erreicht sein selbstgestecktes Ziel der Verbindung zwischen systemischer Theorie und therapeutischer Beratung und Begleitung im medizinisch-psychologischen Arbeitsfeld.

Für Ausbildung, Studium und psychologisch-therapeutische Berufspraxis gleichermaßen geeignet.

 

M.Lehmann-Pape 2010