C.Bertelsmann 2014
C.Bertelsmann 2014

Josef Aldenhoff – Bin ich Psycho …oder geht das von alleine weg?

 

Grenzbestimmungen

 

Ab wann ist die Grenze überschritten, die aus einem „normalen“ Problem oder einer „vorübergehenden Stimmung“ oder aus einem „matten Zustand“ (oder Ähnlichem) eine zu behandelnde, tiefer gehende „Störung“ machen?

 

Das, letztlich, ist die Kernfrage, der Professor Josef Aldenhoff, Wissenschaftler und Therapeut, in diesem Buch sehr sorgsam und auf dem Hintergrund seiner beruflichen Erfahrungen, u.a. als Leiter einer psychiatrischen Einrichtung, lesenswert nachgeht.

 

In einer Zeit und in einer Welt, in denen die öffentliche Diskussion und die mediale Darstellung sich seit längerem bereits des Themas der „psychologischen Erkrankungen“ breit angenommen hat.

Was natürlich gerade auf den „Burnout“ in besonderer Form zutrifft, der eine Vielzahl von Veröffentlichungen bereits nach sich gezogen hat und phasenweise in aller Munde war.

 

Hinter dem eher flapsig formulierten Titel findet sich somit eine durchaus wichtige Frage, die im Buch seriös aufgenommen wird und dem Leser sehr  fundiert Hinweise an die Hand zu geben versteht, vieles an eigenem Befinden reflektiert zunächst zu betrachten und damit einordnen zu können.

Mit Grauzonen, die sicherlich nicht auszuräumen sind, Grenzwertigkeiten, die Aldenhoff durchaus aber auch sorgfältig benennt. Wobei im Zweifel eben immer gilt, dies medizinisch abklären zu lassen. Sehr verständlich zudem benennt Aldenhoff im Buch durchweg Anzeichen, die für eine „echte“ Erkrankung sprechen bietet auch hier klare Hinweise für den Leser. Soweit eine Eigenbetrachtung gewollt und möglich ist, natürlich.

 

„Geht es Ihnen eigentlich gut, oder sind sie nicht mehr so sicher“?

Das ist die Leitfrage, die Aldenhoff zu Beginn des Buches formuliert.

 

Fakt ist, dass zumindest statistisch gesehen, die Quantität der „seelischen Probleme“ rapide zugenommen hat.

Andererseits, machen nicht Psychiater und die pharmazeutische Industrie gerne aus „Mücken Elefanten“, entweder aus Geschäftsdrang oder um die eigene Wichtigkeit zu zementieren?

 

Auch dieser Frage stellt sich Aldenhoff natürlich im Buch und verlässt den Faden einer differenzierten und sachgerechten Darstellung nicht.

 

In der Form strukturiert Aldenhoff dabei thematisch.

 

Die wichtigen „seelischen Erscheinungen“ dessen, was Menschen an „Zuständen“, „Emotionen“, „Bedrängungen“ mit sich oder mit anderen begegnen kann, nimmt Aldenhoff auf, stellt diese je grundsätzlich zunächst dar und bietet sodann in jedem der Kapitel eine Vielfalt von Anhaltspunkten zur eigenen Überlegung in Richtung des Grades zwischen „normal“ und „pathologisch“ mit den entsprechenden Anzeichen der „Übergänge“.

 

Angst, „Blues“ oder Depression, eingebildetes „Kranksein“, Schmerz, Schlafstörungen, Beziehungsprobleme, Essstörungen, Missbrauch, Trauma, Bipolarität, Zwänge, Psychosen, es sind die grundlegenden Elemente und Bereiche, die hier eine empathische Darstellung finden.

 

Ergänzt durch eine grundsätzliche Betrachtung der „Seele“, einen sehr empfehlenswerten Exkurs in die „Vor- und Nachteile“ des Denkens, eine Darlegung, wie eigentlich eine Therapie funktioniert und ein nachhaltiger und wichtiger Aufruf zu „Respekt vor sich selbst“.

 

Wobei gerade das Kapitel über „Das Denken“ einen sehr guten Einstieg in das gesamte Buch bildet (nach der ebenso gut zu lesenden Einführung), denn vieles an „Befindlichkeiten“ bis hin zu „Störungen“  findet einen wichtigen Ursprung im Denken. Im Versuch, das eigene Denken zu kontrollieren. Im „überrannt werden von Gedanken“. Im „Denken auf falschen Voraussetzungen“, in der ständigen Interpretation der Welt das bewertende Denken.

 

Mit Humor, sehr verständlich im Stil, sehr flüssig im Tempo, mit vielfachen Beispielen aus der „Lebenspraxis““ und, vor allem, fundiert, legt Josef Aldenhoff eine echte Hilfe für die Betrachtung des eigenen „Zustandes“ vor und gibt in vielfacher Form auch eine Art der „Entwarnung“, indem er ruhig und sachlich den „Abweichungen von der Norm“ dort, wo sie einfach zum Leben und zum Alltag dazugehören, ihren „Krankheitswahn“ auch nimmt.

 

Versehen  mit einem sehr übersichtlichen Glossar, welches die Orientierung im Buch und nach der Lektüre hervorragend vereinfacht.

 

 

Alle sin allem ein hervorragendes Buch für das Verstehen des eigenen Inneren, den Respekt vor der eigenen Seele und deren nuancenreichen Formen, ihre Befindlichkeit auszudrücken. Wobei manches eben von alleine wieder vergeht und anderes nicht.

 

M.Lehmann-Pape 2014