dtv 2013
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Kevin Dutton – Psychopathen

 

„Sie sind überall“

 

Wenn einem beim Lesen eines Serienmörder-Thrillers Schauern über den Rücken laufen, wenn Hannibal Lecter sich mit der Zunge über die Lippen fährt, wenn Massenvergewaltiger verurteilt werden, Diktatoren in ihrer ganzen Brutalität vor den Augen der Weltöffentlichkeit stehen, dann ist dem normalen Menschen zumeist nahe und klar, dass es sich bei solchen (auch Kunst-) Figuren um einen Psychopathen handelt.

 

Kriminell, ohne Mitleid, nur auf sich bezogen, in wüstesten, zerstörerischen Handlungen befangen. Und über kurz oder lang muss ein solcher zur Strecke gebracht werden.

 

Weit gefehlt  aber wäre es, Psychopathen gleichzusetzen mit verurteilten oder gejagten Verbrechern. Anders als die anderen, ja. Oft ohne jede innere Rücksicht allein auf sich bezogen, ja. Aber das findet sich inmitten der Gesellschaft wieder. Psychopathen sind auch erfolgreiche Manager, Industriekapitäne, Broker, Sportler.

 

Das wird dem Leser zunächst bei der Lektüre des Buches klar, wenn Kevin Dutton, sauber und abgegrenzt, zunächst einmal definiert, was ein Psychopath ist. Schon bei der Lektüre dieses ersten Teils des Buches werden Assoziationen wach, wen man alles kennt, ob privat oder aus der Öffentlichkeit, der solche „Vorgaben“ in Teilen durchaus erfüllt. Zumindest bei einem genaueren Hinsehen.

 

Natürlich führt die ausgeprägte Psychopathie oft und oft in die besonders schwere Kriminalität, auch daran lässt Dutton keinen Zweifel. Dies liegt allerdings aller Wahrscheinlichkeit nach eher an der Ausprägung der soziopathischen Komponenten. Wer seine Egomanie einigermaßen nach außen hin im Griff hat und nicht gleich jede kranke Phantasie ins Leben umsetzen muss, der hat auch und gerade als Psychopath durchaus Chancen, sehr erfolgreich im Rahmen der Gesellschaft seinen Weg zu machen. Wenn es gelingt, die eigentlich „absondernden“ Eigenschaften (natürlich alleine für sich) so zu nutzen, dass keine Morde oder andere schwerwiegende Verbrechen dabei herauskommen.

 

Ohne Angst, mit Ellbogen versehen, den eigenen Weg stringent vor Augen, voller Energie, mit wenig Rücksicht, dafür aber charismatisch, das sind Eigenschaften, die laut der Psychopathie Checkliste charakteristisch sind und bei weitem nicht nur ins Gefängnis führen.

 

Es gibt sie also auch, die konstruktiven Eigenschaften des Psychopathen, die vor allem dann zum Tragen kommen, wenn ein solcher (typisch Psychopath) zwar allein auf sich bezogen, aber doch den Weg „innerhalb“ des Systems nimmt. Erfolgreiche Sportler in Einzelsportarten, Musiker, vor allem erfolgreiche Filmschauspieler, durchaus aber auch solitäre Wirtschaftslenker, vielfach sind die Beispiele, die Dutton unterhaltsam erzählt, ohne dabei den Boden der Ernsthaftigkeit unter den Füßen zu verlieren.

 

So versteht es sich aus dem Zusammenhang heraus dann ganz gut, dass Duttons Aufforderung „Mach mich zum Psychopathen“ nur bedingt ironisch gemeint ist. Sondern er hier eher auf Nietsche rekurriert, der sagte, dass höchster Erfolg da winkt, wo „wir den Mut besitzen, unser Böses als unser Bestes umzutaufen“. Und ebenso wird logisch dargelegt, dass die gesamte Gesellschaft in den letzten 20, 30 Jahren psychopathischere (rein auf sch selbst bezogene) Züge annimmt. Mit Gefahren für das Allgemeinwohl, aber auch mit Chancen, konstruktive Möglichkeiten als eigenen Weg zu wählen.

 

Die „Weisheit des Psychopathen“ zumindest bricht im Buch eine Lanze auch für einen etwas anderen, sich wagenden, nicht immer so ängstlichen Weg. Wenn die Grenzen eingehalten werden können, versteht sich.

 

Keinesfalls aber verharmlost Dutton insgesamt das destruktive Potential auch einer „Generation Ich“. Sein Ansatz ist eher dahingehend zu verstehen, die Augen zu öffnen, wie sehr psychopathisches Verhalten mittlerweile normativ geworden ist und das hier durchaus Wachsamkeit, auch gegenüber sich selbst, gefordert ist. Was Dutton alles sehr eingängig, fundiert und verständlich vor Augen führt. Ein sehr interessantes Buch.

 

M.Lehmann-Pape 2013