Carl Auer 2009
Carl Auer 2009

Manfred Lütz – Das Leben kann so leicht sein

 

Gelassenheit und weiter Blick öffnen Horizonte

 

Gesund, schlank, fit, sportlich, so sieht das herrschende Bild unserer modernen Zeit im Blick auf uns selbst und die anderen von außen aus.

Dynamisch, selbstbewusst, souverän, belastbar, so korrespondiert das innere Bild, dass wir an uns und die anderen anlegen, der äußeren Erscheinung.

 

Und viel wird für beides getan. Fitnesscenter hatten und haben regen Zulauf, die Meldelisten für die Städtemarathons platzen aus allen Nähten, Berater und Psychologen haben gut zu tun und vertrösten den Ratsuchenden oft mit langen Wartelisten.

 

Manfred Lütz greift diese beiden Phänomene in gewohnt ironischer, teils zynischer, leicht überspitzender Art und Weise auf und unternimmt den Versuch, uns moderne, innerlich und äußerlich Gesundheitsgetrieben ein Stückweit doch wachzurütteln auf unseren fast zwanghaften Irrwegen.

 

In den ersten beiden Teilen entzaubert er in hoch humorvoller Art und Weise die Verabsolutierung von idealer äußerer und innerer Gesundheit und verweist zu recht mit vielen, aus dem prallen Leben gegriffenen, Beispielen zum einen darauf, dass der Ertrag der hektischen Gesundheitssucht den Preis oft nicht lohnt. Mehr noch, selbst manch wirklich Kranker kann, mit der rechten inneren Haltung, mehr an Lebenslust und Glück erfahren also viele der Gesundheitsanbeter.

Wie er allein schon die Verbindung zwischen katholischer Prozession und moderner Chefarztvisite zieht, unterhält zunächst in bester Weise und lässt auch hintergründig im Blick auf die letztlich unrealistischen Heilserwartungen, die sich, seiner Ansicht nach,  vom Priester auf den Arzt übertragen haben, nicht los.

 

Ebenso entlarvt er, neben der medizinischen Überhöhungen, auch den Reigen von Therapie und Psychopharmaka. Seiner Grundthese nach beruhen all diese Übertreibungen (er selbst wendet nichts gegen ein gesundes, aber eben auch maßvolles, Verhältnis zur eigenen äußeren und inneren Gesundheit ein) auf einer letztlich inneren, persönlichen Leere des Menschen, der sich an nichts anderem mehr fest zuhalten weiß als an einfachsten Äußerlichkeiten und diese in religiöser Manier dann überhöht.

 

Manfred Lütz wäre nicht Manfred Lütz, wenn er bei dieser teils satirischen und dennoch mit ernstem Hintergrund versehen Betrachtung stehen bleiben würde. Am Beispiel innerlich erweiternder und berührender Musik und anderweitiger Kunst führt er im letzten Teil seines Buches, nun auch in ganz anderem, empathischem und nicht karikierendem Sprachstil zurück auf das Eigentliche, was seit Menschengedenken den Menschen letztlich ausmacht. Gut, dass hier auch der sprachliche Stil wechselt, denn auf Dauer ist die lockere, ironische und manchmal auch bemüht humorvolle Art des Schreibens doch ein wenig ermattend.

 

Innere Entwicklung selbst bei äußerer Hinfälligkeit, die Gelegenheit zu echter Muße, die weit entfernt von moderner Langeweile ist und, letztlich, die Möglichkeit des Menschen, über sich hinaus zu gehen und einen Hauch der Ewigkeit zu erfahren, diese Elemente möglicher Lebenslust treten nun in den Mittelpunkt..

Muße, Kultur, innere Entwicklung und menschliches Wachstum führen zu einem wesentlich höheren Erleben von Sinn, Wohlbefinden und Lebenslust als die zwanghafte Fixierung auf Postulate physischer und psychischer Gesundheit, die in der idealisierten Form von Ärzten und Therapeuten letztlich gar nicht „hergestellt“ werden kann.

 

Ein durchaus zum Nachdenken anregendes Plädoyer für altbekannte Werte und Lebenshaltungen, die in der modernen Welt mit ihrer Fixierung auf das rein Äußerliche sehr ins Hintertreffen geraten sind und die dennoch mehr an Lebenslust und Glücksmöglichkeiten in sich tragen, als jede geglückte Generaluntersuchung beim Chefarzt.

 

M.Lehmann-Pape 2010