Ariston 2013
Ariston 2013

Martin Betschart – Unabhängigkeitserklärung

 

Emanzipation

 

Das Erscheinungsbild des Autors und die Sprache samt mancherlei Zielrichtung (Erfolg, Geld, noch mehr Erfolg) seiner Beiträge sollten sich nicht zu einem Vorurteil beim Leser verdichten. Denn Betschart ist einerseits sicherlich ein erfolgreicher „Erfolgstrainer“ mit sehr plakativer und vereinfachender Art und Sprache. andererseits verbergen sich hinter den plakativen Themen und Äußerungen, gerade auch in diesem Buch, durchaus bedenkenswerte Reflektionen für das ganz allgemeine Leben.

 

Als „Unabhängigkeitserklärung“ gilt für Betschart letztendlich nämlich nicht ein „Mir doch egal, wo die anderen bleiben“ oder eine „Alles nur für mich“, sondern das Hauptaugenmerk des schweizer Trainers und Autors liegt in der „Beseitigung von Hemmnissen persönlichen Potentials“. Und da muss man ihm durchaus Recht geben, dass Angst vor der Meinung anderer, ständige Versuche, es den anderen recht zu machen und „brav“ sein Leben nach den Regeln anderer zu legen, eine hohe Hürde und eine große Hemmnis für die eigene Entfaltung darstellen. Und oft erst gar nicht dazu führt, sich Gedanken über sich, seine Stärken und die eigenen ziele zu machten.

 

Mitschwimmen im Strom ist zwar auch nicht immer leicht, aber zumindest ist man  weitestgehend darin geübt. Ob das aber wirklich der angemessene eigene Weg ist? Dass man mittlerweile über alles Bescheid weiß, Informationen ohne Ende zur Verfügung hat und sich darin gut zurechtfindet, das bestreitet Betschart nicht. Allerdings weist er eindrücklich darauf hin, ob dieses „Wissen und Bescheid wissen“ über die äußere Welt mit einem Wissen über eine der wichtigsten Fragen korrespondiert. Und was die wichtigere Ebene eigentlich ist.

 

Anders gesagt, Betschart stellt in den Raum, dass die Menschen eben eines meist nicht sonderlich gut wissen: „Was wollen Sie wirklich?“

 

Das ist sein Kern, sein Dreh- und Angelpunkt. Im Weiteren des Buches bietet er ein erprobtes, plakatives, immer wieder auch treffendes „Programm“ zunächst, sich dieser Frage zu stellen und individuell für sich zu klären. Um dann den Hindernissen der Umsetzung ebenso sprachgewandt und durchaus fundiert sich mit zuzuwenden. Das man sich trauen sollte, den eigenen Weg zu gehen (und wohin der führen könnte), das ist irgendwann klar vor Augen. Wie das dann gehen kann, das ist durch das Buch hinweg immer wieder hintergründig mitlaufend oder plakativ im Vordergrund nachzulesen. Mitsamt vielfacher Anregungen zur eigenen Reflektion und zur eigenen „Lebenspraxis“. Ohne, wie erwähnt, alles „dahin fahren zu lassen“. Denn auch davon spricht Betschart zum Ende hin „Wovon ich freiwillig abhängig bin“.

 

Alles also an Beziehungen, Tätigkeiten, Wegen im Rahmen des Legalen darf und kann sein, wenn der Mensch weiß, was er da tut und wenn es in Freiheit geschieht. Einfach aber ist es nicht. Wissen, was man will. Sehen, was man kann. Bereit sein, dafür vermeintlich Sicherheit gebende Umfelder auch in Reibung zu bringen oder gar zu verlassen. Und tatsächlich zu wissen, „was man wert ist“. Damit, und das führt Betschart in seiner klaren, einfachen Sprache vor Augen, ein „Kern“ gelebt wird (und erkannt überhaupt erst mal wird, statt immer nur die eigene „Oberfläche“ zu polieren und innerlich wieder bei sich wirklich mit sich und seinem Weg zufrieden zu sein.

 

„Die Erkenntnis, dass ich einen ganz eigenen ....Geschmack haben darf, war gleichzeitig die Erkenntnis, dass ich mehr bin als nur das Anhängsel einer Gruppe“.

 

Einfach, schlicht und klar, nicht in Form einer wissenschaftlichen Abhandlung, sondern eher in Form eines einfachen Gedankenaustausches, durchaus aber treffend und mit vielen Impulsen legt Betschart einen Aufruf und einen Weg zur Eigenständig vor, der nachvollziehbar und gut lesbar zum Nachdenken anregt.

 

M.Lehmann-Pape 2013