Carl Auer Verlag 2010
Carl Auer Verlag 2010

 

Matthias Ochs, Rainer Orban – Familie geht auch anders

 

Konstruktive Gestaltung neuer Familiensituationen

 

Die Scheidungsrate ist weiterhin hoch, die Zahl anderer Familienbilder als der tradierte r Formen, nimmt weiterhin zu. Alleinerziehende Familien, Patchworkfamilien, Scheidungskinder, eine Vielzahl von Lebensentwurfsmöglichkeiten bestimmt faktisch bereits das alltägliche Leben.

 

Ob diese anderen, teils freiwillig gewählten, teil aufgezwungenen Formen  konstruktiv gestaltet werden oder als reine Belastung empfunden werden, ist in erster Linie nicht eine Frage der äußeren Form, sondern, das legen die Autoren bereits grundlegend in den ersten Zeilen des Buches fest, eine Frage der inneren Bewertung.

Damit ist auch bereits die Zielrichtung des Buches angegeben.

Die Autoren bieten in vielfältiger Form Betrachtungen, Hinweise, wissenschaftliche Ergebnisse an, auch andere Formen als die der klassischen Familiensituation als durchaus mögliche, positive Bereicherung des Lebens anzusehen.

 

Jene, die dies bereits als Haltung für sich leben, werden im Buch eine Reihe von Bestätigungen finden, hier und da allerdings auch durchaus noch neue Wendungen und Sichtweisen, die eigene Haltung noch konstruktiver zu gestalten.

Jene, die konkrete Lebensformen als Familie z.B. im Patchworkbereich aktuell nur als negative Belastung zu sehen vermögen, erhalten vielfältige Möglichkeiten, Hinweise, Ratschläge und einsichtige Gedanken, die eigene Haltjung zu reflektieren und entsprechend positive Gestaltungsmöglichkeiten der eigenen Situation heraus zu arbeiten.

 

So ist es unter anderem ein unbestreitbarer Vorteil der alternativen Familienform Patchwork, dass größere Unterstützungssysteme entstehen können, das Leben auf ein breiteres Fundament gestellt werden kann und ganz allgemein Lebenserfahrung und Widerstandkraft gegen schwierige Situationen gerade aufgrund dieser Familienform sich entwickeln können.

 

Im Gesamten schwingt im Buch die Kompetenz der Autoren aus ihrer langjährigen Praxis als Familientherapeuten mit. So vollzieht sich dieses Plädoyer für einen konstruktiven und annehmenden Umgang mit alternativen Familienformen aus berufenem Mund und vielfältigen Erfahrungen der Praxis, die durchaus auch einen Teil zur öffentlichen Debatte um die Zukunft der Lebensform „Familie“ beizusteuern haben.

 

Dreh und Angelpunkt aller Betrachtungen und auch des persönlichen Nutzens, der aus dem Buch gezogen werden kann ist und bleibt aber grundlegend die Bereitschaft, die eigene Haltung zu prüfen und, gegebenenfalls, dort auch Veränderungen in positiver Hinsicht zuzulassen. Hierzu ist bereits eine Beschäftigung mit der Definition von „Familie“ durch die Autoren durchaus hilfreich.

Familie ist mehr als Vater, Mutter und Kind. Familie ist zu allererst eine Form des Zusammenlebens von Menschen, die sich ganz unterschiedlich gestalten kann und in all ihren Gestaltungsvarianten Vorteile, aber auch Erschwernisse mit sich bringt. Ein Ort des Lebens aber allemal, der in bester Weise dazu dienen soll, allen Teilen der Familie Sicherheit und einen Ort zur Entwicklung zu bieten. Wie dies dann letztendlich geschieht, dass ist nicht per definitionem festlegbar, sondern höchst individuell nach den Fähigkeiten zu gestalten.

 

Durch diesen individuellen Ansatz rücken die Autoren die große Chance zur konstruktiven Betrachtung in den Raum. Nicht das „anders sein“ als Erschwernis bildet das Schwergesicht der eigenen Bewertung, sondern jeweils die konkreten Gestaltungsmöglichkeiten, das eigene Leben nach eigenen Bedürfnissen hin familiär auszurichten. Und dies ist wahrlich in vielfach denkbaren Formen gut und fruchtbringend möglich.

 

Ebenso hilfreich für die eigene Bewertung und Reflektion sind jene Kapitel und Einlassungen der Autoren, in denen mit althergebrachten Vorurteilen und teilweise fast Mythen aufgeräumt wird. Eine Scheidung hat eben nicht zwangsläufig zur Folge, dass geschädigte Kinder zurückbleiben, sondern in mancherlei Hinsicht durchaus eine positive, reinigende Kraft auch für vorhandene Kinder, wenn sie bewusst genutzt werden.

 

Nicht nur in diesen Kapiteln, ganz allgemein bieten die Autoren durch teils frische, teils neue Sichtweisen eine Fülle an Material, verkrustete Denk- und Reaktionsweisen zu entstauben.

 

Das Buch bildet somit weniger einen reinen Ratgeber mit ein paar Tipps fürs Leben, sondern eher in flüssiger Sprache und bestens verständlicher Form eine Anregung zur Entwicklung einer eigenen, individuellen Haltung der eigenen Lebensform gegenüber und eine Aufforderung, diese konkrete Lebensform mutig konstruktiv zu gestalten, ohne sich von allgemeinen Werturteilen zu sehr beirren zu lassen.

 

M.Lehmann-Pape 2010