Carl-Auer Verlag 2010
Carl-Auer Verlag 2010

Michael Bretschneider-Hagemes und Martin Bökmann – Intervention in komplexe Systeme – Eine systemtheoretische Betrachtung im Umfeld von Unternehmensberatung und Coaching

 

Sinnvolles Arbeiten unter komplexen Voraussetzungen

 

Aufbauend auf seiner Diplomarbeit aus dem Jahre 2008/2009 wendet sich Martin Bretschneider-Hagemes gemeinsam mit Martin Bökmann einer praxisrelevanten Frage im Rahmen der Unternehmensberatung zu. Der Frage des zuordnungsbaren theoretischen Ansatzes für eine systemische Unternehmensberatung und, damit einhergehend, einem Überblick über einen, dieser Grundlage angemessenen, Methodenpools.

 

In besonderer Weise stellen sich die Autoren der Problematik eines systemischen Beratungsprozesses im Rahmen eines geschlossenen, komplexen Systems. Die grundsätzliche Problematik zwischen dem Ziel einer Veränderung und damit Durchbrechung des Systems einerseits und andererseits die Konstatierung einer festen Geschlossenheit des Systems eines Unternehmens, das ein Arbeiten im System voraussetzt und damit eine grundlegende Veränderung der problematischen Voraussetzungen letztlich als gar nicht möglich in den Raum stellt.

Dennoch bieten natürlich auch geschlossene, operative Systeme Möglichkeiten der Intervention und damit der Veränderung von Abläufen im System, nur eben nicht die Durchbrechung oder grundlegende Veränderung des Unternehmens als operatives System an sich. Die Autoren berufen sich für Ihre Untersuchung auf die Luhmannsche Systemtheorie und setzen das Ziel, diese dem Praxisfeld der Beratung geschlossener, operativer Systeme zugänglich zu machen.

 

Unter der Voraussetzung, dass gegenüber einem geschlossenen System der Berater die Autonomie des Systems in den Mittelpunkt stellt, wird schnell deutlich, dass Beratung hier eine intensive Form der Begleitung auf Augenhöhe meint. So verstanden ergeben sich umgehend eine Vielfalt anderer und anregender Möglichkeiten und Methoden, die Michael Bretschneider-Hagemes und Martin Bökmann aufnehmen und praxisrelevant beschreiben.

 

Beratung als „geplante Evolution“ erscheint in diesem Zusammenhang als ein hervorragend gewählter Begriff, der die eigene Fortentwicklung eines Organismus (Unternehmen) aus sich selbst heraus mit den eigenen Ressourcen durch gezielte methodische Begleitung ermöglicht.

 

Zirkuläres Fragen, Reframing, Skulptur- und Aufstellungsarbeiten, komplementäre Beziehungsgestaltung und andere Methoden werden beschrieben und in ihren Anwendungsmöglichkeiten gekennzeichnet, ebenso wird dem Coaching ein ausführlicher Teil des Buches reserviert, alle vorgestellten Methoden werden einer Evaluation zugeführt.

 

Auf den knapp 100 Seiten des Buches gelingt den Autoren gerade durch die Gegenüberstellung von klassischen Beratungsansätzen „von außen nach innen“ und der Systemtheorie eines Arbeitens „im geschlossenen System“ ein wertvoller Hinweis für ein systemimmanentes Arbeiten als gleichrangiger Begleiter einer „Evolution“, statt des Selbstverständnisses eines übergeordneten und überlegenen Fachmanns, der in der Gefahr steht, an der Geschlossenheit operativer Systeme zu scheitern.

Mit diesem Ansatz einer theoretischen Fundierung systemischer Beratung im Blick auf Unternehmen gewinnt die konkrete Beratung eine gute, innere Freiheit zur reflektierten Haltung dem Klienten gegenüber und eine fundierte Analysemöglichkeit, die einem systemimmanenten Arbeiten klarer und erfolgversprechender entspricht als bisherige klassische Ansätze der Beratung.

 

Die Argumentation des Buches ist schlüssig aufgebaut und wissenschaftlich fundiert. Sprachlich stellt sich das Buch, dem Thema und Anlass entsprechend, wissenschaftlich komplex dar und fordert somit eine längere Einarbeitungszeit. Als theoretische Grundlegung und neue Ausrichtung des Blickes für die Praxis aber ist diese Einarbeitung ein lohnenswertes Unterfangen.

 

M.Lehmann-Pape 2010