Carl Auer Verlag 2010
Carl Auer Verlag 2010

Michael White – Landkarten narrativer Therapie

 

Visualisierte Lebensgeschichten

 

Auf der Grundlage der methodischen Beobachtung, dass Menschen ihr Leben in Geschichten organisieren und demzufolge die innere Ausrichtung, aber auch die Frage der Qualität des Lebens davon beeinflusst werden, welche der Geschichten der einzelne Mensch für sich federführend quasi auswählt, ruht der Ansatz der narrativen Therapie. Zudem nutzt dieser Ansatz die „nach außen Verlegung“ (Externalisierung) problematischer Befindlichkeiten. Im Erzählen einer Geschichte liegt dieses „nach außen geben“ ja bereits begründet.

 

Durch die Methode der Visualisierung einzelner Lebensgeschichten in Form von grafischen Darstellungen (Landkarten) und der Betrachtung von sich ergebenden „Verkehrswegen“ (Verbindungen) zwischen den einzelnen Lebensgeschichten (Orte auf der Landkarte) kann es gelingen, auch andere Sichtweisen oder noch völlig  unbekannte „Landschaften“ des eigenen Lebens zu erforschen und somit neue, andere Sichtweisen und Perspektiven zu eröffnen.

 

Externalisierung geschieht durch Erzählung der jeweiligen Lebensgeschichten unter nachfragender und reflektierender Begleitung des Therapeuten. Eine Reihe von methodischen Hilfen für diesen Vorgang und eine Beleuchtung der dafür notwendigen Haltungen des Therapeuten findet sich im ersten Kapitel des Buches, das zugleich durch ein praktisches Therapieprotokoll die Verfahrensweisen des therapeutischen Ansatzes griffig darstellt.

 

Gerade die Begleitung der theoretischen Überlegungen anhand eines Therapieprotokolls (eine Stilmethode, die sich in allen anderen Kapiteln des Buches wiederholt), verhilft schnell und unkompliziert zu einem Verständnis der Methode und wird durch Michael White gut lesbar dargestellt. Das Herstellen neuer Erzähllinien, die Wiederherstellung der Zugehörigkeit der Geschichten zum eigenen Leben, eine therapeutische Zeremonie zur Integration der neu entdeckten Lebensgeschichte gestalten den weiteren Verlauf der Therapie.

 

Michael White legt eine ganz andere, eher ungewohnte, Form von therapeutischer Intervention vor, die ihren Schwerpunkt zunächst sicherlich in traumatischen Erfahrungen und Suchtstrukturen gefunden hat (hier liegen ja eine Vielzahl verdrängter Erlebnisse und Geschichten vor, die sowohl einer Bewusstwerden als auch einer Integration in die eigene Lebensgeschichte bedürfen), bietet aber eine Vielzahl von Möglichkeiten für fast jede Form von Störungen der Befindlichkeit und destruktiven Verhaltensweisen.

 

Anhand seiner Einlassungen zur Methode des „Gerüst Bauens“ und des klug gewählten praktischen Beispiels am Ende des Buches wird dem  unbefangenen Leser schnell deutlich, welche internalisierende Kraft in der zunächst gestalteten Verlegung der Problematiken nach außen liegt. Sich eines Verhaltens gewahr werden und eine Landkarte erstellen zu können, in welchen Querverbindungen deutlich werden, welche Auswirkungen dieses eine Verhalten auf andere Lebensbereiche auch hat, wird eine Gesamtschau vor Augen geführt. Umgehend setzt durch die therapeutische Begleitung eine innere Exploration ein, die aus einer negativen Haltung herausdrängt zu konstruktiven Formulierungen. Das eigentliche Ziel und mögliche Etappen zu diesem Ziel werden auf diesem Wege schnell verdeutlicht.

 

Auch wenn die Begrifflichkeiten und der methodische Ansatz weitgehend noch nicht sonderlich bekannt sind und daher bei manchen Schilderungen ein gewisses Befremden nicht zu vermeiden ist, bietet das Buch ob seines nachvollziehbaren Sprachstils und der beständigen Verknüpfung der methodischen Darstellung an praktische Beispiele einen leichten Zugang zur narrativen Therapie. Ein therapeutischer Ansatz, der in vielerlei zunächst unklaren problematischen Situationen ein gutes Instrument zur therapeutischen Arbeit sein kann.

 

M.Lehmann-Pape 2010