Beltz 2007
Beltz 2007

Peter Fiedler – Persönlichkeitsstörungen

 

Standardwerk für die Psychotherapie

 

In mittlerweile 6. und überarbeiteter Auflage liegt nun das Standardwerk zur Erfassung und Therapie von Persönlichkeitsstörungen von Peter Fiedler vor. Vielfach gründlich aktualisiert und durch ein neues Kapitel zur Frage der Depression erweitert, hat das Buch nichts von seiner grundlegenden Bedeutung für die Diagnostik und die Behandlungsansätze für das, was man klassischerweise „Persönlichkeitsstörung“ nennt, verloren. Und bleibt auch in der neuen Auflage dabei, von außen und durch den Titel kaum erkennbar, neue Ansätze, Orientierungen und Wegmarken für die Betrachtung und den Umgang solcher Störungen aufzuweisen.

 

Ein guter Einstieg in das Buch ist und bleibt der Beginn mit dem Ende. Auch wenn es dem strukturierten Denken widerstreben mag, der Epilog enthält eine Reihe wesentlicher Informationen zur grundlegenden Methodik und Herangehensweise, die äußerst hilfreich sind, die umfassenden Betrachtungen der gut 400 Seiten anzugehen.

 

Nicht nur um der Problematik der Stigmatisierung zu entgehen, sondern auch im Blick auf aktuelle Betrachtungen der Forschung, plädiert Fiedler für eine Begriffsänderung hin zu „Persönlichkeitsstilen“ statt „Störungen“ und weiterhin für eine Verschiebung des Schwerpunktes der Betrachtung und Behandlung schwieriger Persönlichkeitsstile mit einem stärkeren Gewicht auf den Bereich der Beziehungsstrukturen. Eine logische Forderung, denn Fiedler ist unumstritten Recht zu geben darin, dass sich grundlegende Schwierigkeiten in und mit der eigenen Person fast ausschließlich im Bereich der Beziehungsgestaltungen und in Form von Interaktionsstörungen zunächst zeigen. „Störungen des Beziehungsverhaltens“ trifft es da wesentlich eher, als althergebrachte Betrachtungsweisen.

 

Diese implizite Weiterentwicklung schwingt, wenn auch nicht immer ausgesprochen, in den fundierten, umfassenden und hervorragend beschriebenen Störungen im Buch mit, daher eröffnet der Epilog, auch mit seinen grundlegenden Betrachtungen zu klassischen Bereichen der Persönlichkeitsstörungen,  ein breites Verständnis für das gesamte Thema. Ebenso motiviert gerade der Epilog mit seinen Einlassungen zu den Chancen echter Veränderungen, die oft genug kaum möglich erscheinen.

 

Das Buch selbst gliedert sich in drei aufeinander folgende und aufbauende Teile. Ein ausführlicher Blick auf die historische Perspektive eröffnet das Buch und bietet einen umfassenden Blick auf den gegenwärtigen Status quo. Der zweite Hauptteil, quantitativ mit dem breitesten Raum im Buch, legt den Schwerpunkt auf eine, im Einzelnen hervorragend strukturierte, Darstellung der Persönlichkeitsstörungen. Auch hier gilt das umfassende des Buches, keine der bekannten und anerkannten Persönlichkeitsstörungen lässt Fiedler aus und bietet ebenso wichtige Grundlagen und Hinweise für das diagnostische Verfahren. Auch der oft vernachlässigte Aspekt der Zweitdiagnosen findet hier eine ausführliche Würdigung.

Im dritten Hauptteil folgt die Darlegung der Behandlung, zum einen mit allgemeinen Betrachtungen und Hinweisen für eine ressourcenorientierte Behandlung, zum zweiten mit klarer methodischen Einlassungen für die einzelnen Störungsbilder und zum Schluss mit einem Blick auf mögliche Bearbeitungswege therapeutischer Krisensituationen.

 

Ein exzellent geschriebenes, hervorragend strukturiertes und praxisnah äußerst hilfreich umgesetztes Buch, das zu Recht seit Jahren als Standardwerk zur Diagnostik und Behandlung von Persönlichkeitsstörungen gilt und zudem mit hoher Empathie und Achtsamkeit Wege aus starren Betrachtungen und Wahrscheinlichkeiten der Stigmatisierung hinaus weist. Eine im besten Sinne Wendung zur Person des Klienten hin, statt allein in Verfahrenstechnik und klassischer Methodik zu verbleiben.

 

M.Lehmann-Pape 2010