Orell Füssli 2013
Orell Füssli 2013

Roland Jäger – Ausgesessen

 

Ein Plädoyer für den Mut, Entscheidungen zu treffen

 

Helmut Kohl sagte man nach, in seiner aktiven Zeit als einflussreicher Politiker, Entscheidungen gerne „ausgesessen“ zu haben. Eine Haltung des Abwartens, der Hoffnung darauf, dass sich so manche Probleme und Konflikte von alleine lösen würden (wobei zumindest im Blick auf Kohl deutlich ist, dass der durchaus nicht entscheidungsschwach war, sondern genau da oft zugegriffen hat, wo Entscheidungen gut vorbereitet waren).

 

Dennoch beleuchtet dieses Beispiel eine Befindlichkeit der modernen westlichen Gesellschaft, die sich in Roland Jägers Augen in der allgemeinen Kultur einer „Nicht-Entscheidung“ niederschlägt. Aus Unsicherheit, aus dem Wunsch heraus, vorweg bereits völlige Kontrolle über zukünftige Ereignisse zu haben (was nicht geht, daher lieber auch keine klare Entscheidung). Auch aus den „Vorbildern“ der Politik heraus gespeist. Möglichst vage zu verbleiben, nicht nachher festgenagelt werden zu können, wenn der Wind sich dreht.

 

„Wir alle teilen nämlich ein sehr ausgeprägtes Talent: Wir können Dinge richtig gut aussitzen“, und aufschieben, wenn wir unangenehme Folgen als Konsequenz einer Entscheidung befürchten. Das „Neue“ macht Angst, das „Alte“ ist auch nicht sonderlich befriedigend, aber immerhin ein „bekanntes Elend“ und somit zumindest vertraut und sicher in den Abläufen.

 

Abwarten, „es sich offen halten“, das ist eine verbreitete Neigung, folgt man Jäger in seiner durchaus überzeugenden Argumentation der Darlegung der Verhältnisse. Eine Haltung, die allerdings selten zur „Erfüllung“ führt und die nicht nur individuell destruktive Folgen nach sich zieht, sondern auch für das Wirken in und für die Allgemeinheit schädlich ist.

 

Aber mit Folgen, die ein klar denkender Mensch so bestimmt nicht auf Dauer zementieren möchte. Stagnation, Überschuldung der Staaten, Reformunwilligkeit, Protest gegen allzu neue Neuerungen, Subventionsdschungel, Lobbyismus und vieles mehr.

 

„Wir alle träumen von einem erfüllten Leben, sind aber erstaunlich oft sehr weit davon entfernt und geben uns mit schalen Kompromissen zufrieden“.

 

Warum das eigentlich so ist, was man dagegen tun könnte und wie man zu der Fähigkeit gelangt, Entscheidungen zu wagen, das erläutert nun im Folgenden Roland Jäger auch aus seiner Praxis als Berater und Coach heraus. Und das in einer ebenso klaren Struktur, wie Jäger seine Beratungen aufbaut. Zunächst erfolgt eine ausführliche Beschreibung des „Ist-Zustandes“, daraufhin legt Jäger die (negativen) Folgen des „Aussitzens“ offen, um zum Schluss Instrumente der „Überwindung“ aufzuzeigen („Aufgestanden!).

 

In der Sprache sehr verständlich, eingängig und praxisnah zeigt Jäger letztendlich auf, dass die von klein auf an im Raume stehende Erziehung zu Konsens und Kompromiss, die Angst, sich „alleine zu stellen“ (und sei es auch nur für einen Augenblick) und, zumindest bei den ersten Schritten, die Angst vor dem „alleine gehen“, entscheidende Motive sind, die Dinge lieber „auszusitzen“. Was uns „unser Leben kostet“, zumindest in dem, was an persönlicher (und gesellschaftlicher) Erfüllung möglich wäre.

 

Hier anzusetzen und eben nicht auf den Kompromiss ausgehen zu müssen, nicht den Konsens über alles zu stellen, sondern den eigenen Weg zu wagen, das wäre die zu erlernende Haltung für ein konstruktives individuelles und gesellschaftliches Leben.

 

In der Logik bestechend, in der Analyse überzeugend, so stellt sich Jägers Buch dar. Dennoch muss klar sein, dass ein Appell alleine eine lebenslang zementierte Haltung nicht „einfach so“ verändern wird. Für die innere Einsicht aber, das eine „aufschiebende, dogmatische Kompromiss- und Konsenshaltung“ mehr Probleme verursacht als dass sie in einer vagen „Harmonie“ läst, dafür ist die Lektüre des Buches bestens geeignet und motiviert dann für die notwendigen, eigenen Schritte zur Veränderung der eigenen Kultur des Nicht-Entscheidens.

 

M.Lehmann-Pape 2013