Carl Auer 2011
Carl Auer 2011

Roland Kachler – Hypnosystemische Trauerbegleitung

 

Mögliche Beziehungsgestaltung

 

Nicht in erster Linie um den Tod und die abgrundtiefe Trauer betroffener Angehöriger geht es dem Buch, in erster Linie richtet Kachler seine Aufmerksamkeit, wie es Günther Schmidt im Vorwort treffend ausdrückt, auf ein „in Beziehung treten“, eine „Gestaltung von Beziehung“ gerade auch im Blick auf  den oder die Verstorbene, auf die Entdeckung der eigenen, neuen Lebenskraft, die durch den Prozess der Trauer auch freigesetzt werden kann. Wohlgemerkt „in Beziehung“ zu dem oder der Verstorbenen.

 

Trauer wird hier Verstanden als eine Emotion, einen Wunsch, „in Verbindung“ zu bleiben. Dieses „in Verbindung bleiben wollen“ der Emotion in die eigene Person, das eigene Selbst mit zu integrieren, ohne dass diese Trauer das Leben umfassend lähmt ist das Ansinnen des hypnosystemischen Ansatzes der Trauerbegleitung.

Das Annehmen tiefer, oft unbewusster, emotionaler Vorgänge ist dabei der Schlüssel zur Integration statt des eher üblichen „dagegen Ankämpfens“ und die hypnosystemische Methode bietet für dieses „Annehmen“ eine Reihe von erwiesen wirksamen Techniken, Methoden und Haltungen. Im Rahmen des Ansatzes werden die Trauer selbst, die Bindungen zum Verstorbenen, der Wunsch, „in Verbindung zu bleiben“ zu machtvollen therapeutischen Ressourcen auf dem Weg, in sich einen „sicheren Ort“ für den Verstorbenen zu finden, ihn quasi in diesen Ort „freizulassen, ohne ihn zu verlieren“.

 

Im rahmen dieser Überlegungen bietet Kachler zunächst im Buch die theoretischen Grundlagen des hypnosystemischen Ansatzes unter Einbeziehung neuester Erkenntnisse der Hinforschung und der Neurobiologie. Darauf folgend stellt Kachler, ebenfalls unter Einbeziehung neuester Erkenntnisse (hier aus der empirischen Trauerforschung), den Trauerprozess als „aktiven und kreativen Beziehungsprozess“ vor Augen. In diesem Bereich des Buches stellt er zudem eine Vielzahl von Interventionsmöglichkeiten, Ritualen und Übungen vor, die diesen Prozess der Beziehungsklärung zutiefst fördern können.

 

Bei all seinen Einlassungen legt Kachler im Übrigen hohen Wert darauf, dass nicht nur der Klient im Mittelpunkt des Interesses und der begleitenden Beratungsarbeit steht, sondern der Berater, Therapeut, Trauerbegleiter selbst, am Besten natürlich bereits im Vorfeld, eine eigene, innere Klärung zu leisten hat. Auch in Fragen des eigenen Umgangs mit persönlicher Trauer, vor allem in Fragen der inneren Stabilität massiven Verlusterfahrungen anderer Menschen gegenüber.

 

Im Kern geht es Kachler grundlegend und als roter Faden im Buch um das bereits angesprochene Finden eines inneren Ortes, an dem der Verstorbene im Rahmen der Gesamtpersönlichkeit des Trauernden einen Platz finden kann („Dortlassen“ statt „Fortlassen“). Im Rahmen des klassischen Umganges mit Trauer im Umfeld, aber auch im Rahmen professioneller Beratungen ist dies ein anderer, neuer, interessanter Ansatz.

Nicht ein „Das wird schon wieder“ oder ein „Loslassen, seinen Frieden damit machen, hinter sich lassen“ steht und bleibt im Raum, also eine Art „Kampf gegen die Trauer“, sondern ein dauerhaftes „Mit sich tragen“, „In Beziehung bleiben“ zum Verstorbenen und somit ein konstruktives „In Beziehung bleiben“. Wobei diese Fortsetzung der Beziehung eben nicht bedeutet, dauerhaft nun wie gelähmt „in (aktiver) Trauer“ zu verbleiben.

 

Diese Haltung entspricht durchaus übrigens auch realen Erfahrungen, denn alle Beziehungen, die den Menschen auf seinem Weg prägen, verbleiben ihm letztlich in der ein oder andern Form. Dieses Verbleiben nun nicht ohnmächtig als niederschmetternd erleben zu müssen, sondern in guter Weise als Teil der eigenen Geschichte und des eigenen Selbst annehmen zu können, dazu bietet die Methode der hypnosystemischen Trauerbegleitung eine adäquate eigene Haltung und eine Vielzahl von methodischen Möglichkeiten der Hilfe zur Integration der Trauer und des Verlustes.

Ein Ansatz, der zumindest grundlegend bedacht werden sollte und sowohl den Prozess der Trauer als auch den Trauernden selbst aus einem anderen Blickwinkel heraus zu begleiten versteht.

 

M.Lehmann-Pape 2011