Carl Auer 2012
Carl Auer 2012

Roland Schleiffer – Das System der Abweichungen

 

Psychische Störung als Selbsthilfemechanismus im Sinnsystem

 

Wie Fritz B. Simon im Vorwort des Buches bereits bemerkt, Roland Schleiffer legt eine äußerst innovative Studie und Betrachtung der Psychopathologie vor, auf der Basis systemtheoretischer und konstruktivistischer Konzepte. Dies als „Reflexionsdisziplin der Psychiatrie“ nicht mit dem Ziel konkreter therapeutischer Handlungsanweisungen, sondern mit dem Ziel einer „Entrivalisierung“.

 

Dass psychische Störungen nicht einfach „krank“ sind, dass keine „Fehlfunktionen“ vorliegen, sondern zunächst, dass psychische Störungen Ausdrucksweisen des Individuums sind, die in der Welt des Individuums durchaus Sinn machen als „Lösungsversuche“ für bestimmte, individuell empfundene Probleme. Als „Selbsthilfemechanismus“, um die eigene Person in ihrer konkreten Befindlichkeit zu schützen.

 

So ist es ein durchaus wichtiger und bedenkenswerter Zugang zu Verhaltensweisen von Menschen, zunächst die Bewertung der Phänomene außen vor lassen zu können und im ersten Schritt einen rein beschreibenden Arbeitsgang setzen zu können, um dann in einem zweiten Schritt die erhobenen und beschreibbaren Phänomene aus der Systemtheorie abzuleiten im Rahmen einer „Logik von Organisationsprozessen“. So entsteht durch Schleiffer ein Gerüst , in welchem das Verhalten als durch die Organisation biologischer, psychischer und sozialer Prozesse gelenkt verstanden wird und damit den Prozessen selbst zunächst gerecht wird.

 

Ob nun biologische, psychische oder soziale Prozesse für bestimmte Haltungen und Verhaltensweisen überwiegend verantwortlich sind, es gilt für alle drei Systeme eine gleiche, feststellbare Prozesslogik im Sinne eines sich selbst erschaffenden und selbst erhaltenden Individuums. Mit dem Ziel, dass „die Struktur erhalten bleibt“. So legt das Buch unter anderem dar, wieweit eine konkrete Befindlichkeit, konkrete individuelle Entwicklungen immer als Folge der Geschichte bewältigter Störungen und Anpassungen zu verstehen ist. Gesundheit und Krankheit lassen sich durch „die im Prinzip selben generierenden Mechanismen“ erklären.

 

Intensiv legt Schleiffer seinen Befund (nach einer ausführlichen Einführung, Begriffsklärung und Darlegung der Methode) an konkreten psychopathologischen Phänomenen dar. Autismus, Psychosen, Depression und affektive Störungen. Und dient hierbei als „funktionale Analyse“ im Rahmen der Psychiatrie als „Leitfaden“ bei der Suche nach funktionalen Äquivalenten

 

Äußerst komplexe Zusammenhänge legt Roland Schleiffer in ebenso komplexer Sprache vor, die Erarbeitung des Buches bedarf einer hohen Konzentration und eines breiten Hintergrundes im Feld der Psychiatrie, mithin ist dies kein Buch für interessierte Laien, sondern ein ausgewiesenes, innovatives wissenschaftliches Werk, welches die Grundlage einer weiteren und breiten Diskussion über die vorgestellten Thesen im Rahmen der Psychopathologie bildet. In sich fundiert, stimmig und überzeugend argumentiert ist dem Buch die weitere, intensive Diskussion zu wünschen.

 

M.Lehmann-Pape 2012