Carl-Auer 2011
Carl-Auer 2011

Ulrike Borst, Andrea Lanfranchi – Liebe und Gewalt in nahen Beziehungen

 

Thema mit hoher Bedeutung

 

Das Liebe und Aggression durchaus auch eng beieinander liegen ist sicherlich nicht nur theoretisch bekannt, sondern entspricht der Erfahrungswelt, schaut man sich alleine schon verschiedene Formen von „Rosenkriegen“ an (bei all diesen gab es im Vorfeld durchaus ja über Jahre eine Form von Liebesbeziehung zumeist). Aber nicht nur in partnerschaftlichen Beziehungen, auch im Blick auf das Verhältnis von Eltern und Kindern oder, weniger häufig, dennoch vorkommend, anderen Formen von engen Beziehungen finden sich liebevolle und aggressive Aggregatzustände durchaus nicht selten nebeneinander.

 

Ulrike Borst und Andrea Lanfranchi führen im Buch dieses „Dilemma therapeutischer Sicht aus. Wie findet man therapeutischen Umgang mit diesen starken Formen von Gefühlen und Leidenschaften? Und nehmen zunächst, zu Recht, eine Klärung vor. Das Verhältnis von Liebe und Gewalt, Gewalt und Liebe und Liebe und Gewalt in Beziehungen ist ein uraltes, die Menschheit begleitendes Thema. Gut also, dass die einzelnen Autoren und Autorinnen auf der Blaupause veränderter sozialer Verhältnisse und therapeutischen Wissenstandes sich auf den gut 260 Seiten des Buches sehr sorgfältig und fundiert diesem breiten Themenbereich nähern.

 

Auf der einen Seite steht das Bedürfnis und die Sehnsucht des Menschen nach Liebe, Schutz und Nähe. Auf der anderen Seite das ebenso starke innere Streben nach Herrschaft und Kontrolle. Da beide Dynamiken im Menschen vorliegen, ist es gar nicht verwunderlich, dass je nach äußeren Anreizen, die eine oder die andere Seite überwiegend in Erscheinung treten, ohne das Vorhandensein des je anderen Pols dabei zu leugnen. 

Das Stichwort, mit dem die Herausgeberinnen sich zunächst dem Thema nähern ist das der „Grenzüberschreitung“. Ein Vorgang, der sowohl aus Liebe als auch als Herrschaft geschieht, der durchaus „aus Liebe“ bei Widerständen auf der anderen Seite in „Gewalt“ umschlagen kann. Je intensiver die Leidenschaft vorliegt, „desto näher ist sie der Gewalt im Sinne eines anmaßenden Besitzergreifens“. Und aus dieser Konstellation folgt sogleich in der therapeutischen Arbeit ein benennbares Dilemma, welches als roter Faden dem Buch seine Struktur letztlich gibt.  Beteiligte Therapeuten verurteilen einerseits fast zwingend die Gewalt, die stattfindet und unterschätzen zugleich oft die Macht der dahinterstehenden Liebe.

 

An dieser Schnittstelle setzt das Buch an und versucht, nüchterne Analysen und Arbeitskonzepte zu beschreiben (und damit zur Verfügung zu stellen),  mit denen der beteiligte Therapeut auch Formen objektiver Grundlagen für sich findet, weil es „nicht reicht, eine persönliche (ethische) Haltung in diesem menschlichen Grunddilemma entwickelt zu haben“. Daher lassen die Herausgeberinnen im weiteren Verlauf eine Vielzahl therapeutisch forschender und tätiger Fachleute zu Wort kommen.

 

Inhaltlich legend die Autoren und Autorinnen (u.a. mit Artikeln von Großmann und Großmann) im ersten Teil grundlegende Gedanken zur Gewaltproblematik in Entstehung und Vollzug in Familien vor. Im zweiten Teil richtet sich das Augenmerk auf therapeutische Vorgehensweisen bei Gewalt in Paar- und Familienbeziehungen. Hier ist der Ort im Buch, der nicht nur das soziale Feld und mögliche theoretische Vorgehensweisen beschreibt, sondern in Teilen auch konkrete Instrumente und Methoden zu therapeutischen Interventionen bereit hält. Eine Fülle von Informationen, Hintergründen, Instrumenten und differenzierten Betrachtungen liegt in diesem Teil des Buches vor, die eine fundierte Weiterarbeit und eine eigene Reflektion der therapeutischen Arbeit befruchten und Alternativen der eigenen, therapeutischen Arbeit anregt.

 

Abschließend bietet das Buch einen differenzierten Blick auf erweiterte, gesellschaftliche Kontexte der Gewalt in Beziehungen. Integration, Armut, Entbehrung, häusliche Gewalt, selbst die Gewalt in therapeutischen Beziehungen wird hier thematisiert.

 

Ein guter Einstieg in das Buch ist tatsächlich in diesem Falle das Ende. Die präzisen Zusammenfassungen der Beiträge im Buch durch die Herausgeberinnen und die Einordnung der Bedeutung in die therapeutische Praxis geben einen raschen Überblick und verhelfen zu einer gezielten Auswahl im Sinne eines Vertiefens einzelner Themenbereiche.

 

Borst und Lanfranchi schließen als Herausgeberinnen eine durchaus vorhandene Lücke zu einer nicht selten vorliegenden Problematik in engen Paar- und/oder Familienbeziehungen und bieten im Buch einen differenzierten Blick auf das Thema von den Ursachen her über die Möglichkeiten therapeutischer Interventionen bis hin zu erweiterten. Vorrangig, aber nicht nur, für TherapeutInnen von hohem Interesse.

 

M.Lehmann-Pape 2011