Beltz 2012
Beltz 2012

Uwe Reineck, Mirja Anderl – Handbuch Prozessberatung

 

Wie Veränderungen gelingen

 

Die Prozessberatung wendet sich einer erkennbaren Lücke zwischen Anspruch und Wirklichkeit zu. Einerseits steht der rationale Anspruch im Raum, dass eine klare und überzeugende Strategie sachlogisch und nachvollziehbare Entscheidungen produziert. Und demgegenüber die erkennbare Wirklichkeit, dass nämlich eine Unternehmenskultur bequem, machtvoll, aber auch durchaus klug ist und sich „zu schützen weiß“. Somit eine Veränderung ein oftmals langsamer, evolutionärer Prozess ist, so sie überhaupt stattfindet.

 

„Culture eats strategy for lunch“ fasst dieses (Miss) Verhältnis zwischen Strategie und Kultur aufs Beste zusammen.

 

Prozessberatung heißt nun, beides zusammen zubringen. Die Kultur zu verstehen und in und mit dieser entwickelte Strategien umzusetzen, somit also Veränderungen einerseits zu initiieren und andererseits sorgfältig zu steuern und zu implementieren. Und dies auf dem Weg zu einer „guten“ Organisation, einer, die eine Vielzahl von nützlichen Eigenschaften entwickelt, um den Herausforderungen bestmöglich zu begegnen (und somit eine gewisse Flexibilität in ihrer Unternehmenskultur quasi „verankert“ hat).

 

In zupackender, bildreich auf den Punkt kommender Sprache legen die Autoren zu diesem komplexen Vorgang der Prozessberatung nun ein umfassendes, vor allem aber stark praxisorientiertes Handbuch vor. Nach einer äußerst verständlichen und auch im Buch grafisch hervorragend aufgearbeiteten Einführung in die Prozessberatung (Zugänge und Ziele, Menschen dun Organisationen, Urväter und Grundideen der Prozessberatung, kritische Anmerkungen zu den „blinden Flecken“ der Prozessberatung und methodische Hinweise) , eröffnen die Autoren in den beiden Hauptteilen des Buches Zugänge, Hinweise, Erläuterungen und vieles mehr zur Prozessberatung einerseits in Gruppen und andererseits in Organisationen.

 

Mit einer Vielzahl von Methoden, Workshopkonzepten und Interventionsmöglichkeiten, um Veränderungen zu initiieren und zu begleiten bieten sich im Buch vielfältige Anregungen für (fast) alle möglichen Konstellationen und Arbeitsaufträge. Von einer allgemeinen Erhebung zum Status Quo „Wer sind wir eigentlich“ über das Design von Großveranstaltungen hin zu „Zauberfragen für alle Situationen“ und zur Konfliktarbeit in Gruppen, von der Einrichtung neuer IT Systeme über Zeitknappheit, vom Empowerment zur Entwicklung von Leitbildern und Visionen in Organisationen, der im Feld tätige wird im Buch übersichtlich, fundiert und praxisnah eine Vielzahl von methodischen Anregungen und Arbeitsvorschlägen für die eigene Arbeit finden.

 

Hat man sich an die bildkräftige und in dieser Form eher für ein Fachbuch ungewohnte Sprache („Wäre Organisationsentwicklung die Zärtlichkeit der Unternehmen für ihre Menschen...“) erst einmal gewöhnt, wird deutlich, dass gerade diese Form der Sprache beim Leser Fantasien und eigene, emotionale Bilder freisetzt, die den dargebotenen Inhalt noch einmal deutlicher verankern und einen weiteren Zugang zur „Welt der Prozessberatung“ ermöglichen (wie die Autoren ans ich auf die Haltung des Beraters durchaus wert legen und dafür im Buch den notwendigen Platz reservieren).

 

In allen Einlassungen und Arbeitsvorschlägen wird immer wieder ein zentraler Punkt benannt und zumindest unterschwellig deutlich. Das es darum geht, „Rücksicht zu nehmen auf das zunächst verborgene, dass aber bestimmend ist“.

 

Dieses „Verborgene“, die „Kultur des Unternehmens, der Gruppe“ bewusst zu machen, damit zu rechnen und die Kräfte dieser Kultur mit einfließen zu lassen in gewollte und gesteuerte Veränderungsprozesse, dazu dient dieses Handbuch in ganz hervorragender Weise mit seinem (fast) unerschöpflichen Schatz an Hinweisen, Eröffnungen von Möglichkeiten und ganz konkreten Arbeitshilfen.

 

M.Lehmann-Pape 2012