Klett-Cotta 2017
Klett-Cotta 2017

Wolfgang Hantel-Quitmann – Die Othello-Falle

 

Über die subjektive Realität in Liebesdingen – und darüber hinaus

 

Nicht immer ist es ganz leicht, den roten Faden des Buches fest im Blick zu halten, da Hantel-Quitmann doch einige Male sehr ins Detail geht.

 

Wenn es um des „Unbewusste“ geht, wenn die „Speicherung von Wahrnehmungsinhalten“ erläutert wird, was auch sprachlich eine konzentrierte Lesehaltung und ein mehrfaches Lesen hier und da erfordert.

 

Durchaus aber hoch interessant ist das Thema, das Hantel-Quitmann, ausgehend aus seiner Praxis als Paar-Therapeut, ganz allgemein verfolgt.

 

Wie sehr der Mensch das, was er empfindet, sieht, deutet, interpretiert (und damit eigentlich immer subjektiv setzt) als „objektive Realität“ versteht und damit nicht selten fehlerhafte Interpretationen von Ereignissen sich selbst liefert. Bei denen sie „selbsterfüllende Prophezeiung“ nur die Spitze des Eisberges darstellt.

 

Wie eben Othelo, der aus rasender Eifersucht heraus „im Kopf“ Fakten generiert, die mit der Realität kaum übereinstimmen, aus denen heraus er aber handelt und sich selbst gewaltiges Unheil damit einbrockt.

 

„Wenn die unbewussten Ängste, Erwartungen und Bewältigungsstrategien das Kommando übernehmen, haben wir es mit einem hilflosen Bewusstsein zu tun, dass in kindlichen Ängsten und Handlungsmustern verfangen ist“.

 

Und da passt es hinein, dass in einer Welt, die sich simpel strukturiert oft in „Täter und Opfer“ unterteilt (und die Meisten denken, eher Opfer zu sein) Unruhe erzeugt, wenn klar wird, dass man nicht selten „Opfer des eigenen (engen) Denkens“ geworden ist und damit eher auf der Täter- als auf der Opferseite sich befindet.

 

Ein bewussterer Umgang mit den Dingen des Lebens, ein Zurücktreten von vordergründigen Emotionen und festgefügten „Denkfallen“ ist dabei durchaus möglich, kostet aber den Preis eines zunächst „Lernen gegen die eigenen Automatismen“ und die Entwicklung einer gehörigen Portion Selbstkritik und Prüfung der eigenen, inneren „Glaubenssätze“.

 

Nicht also den aktuellen Gefühlen umgehend folgen und nachgeben, sondern gegen den inneren Trieb der Flucht beharren und sich mit konkreten Situationen auseinandersetzen, das ist die Möglichkeit, die Hantel-Quitmann eröffnet und nachvollziehbar begründet, um aus den vielfachen „Othello-Fallen“ eines zu subjektiven „Für-wahr-haltens“ herauszukommen.

 

Oder, wie Platon es bereits vor langer Zeit ausdrückte, „Denken ist ein Gespräch der Seele mit sich selbst“ und benötigt „Wahrhaftigkeit“, um „Denkfehler“ zu vermeiden. Dafür aber benötigt es des Wissens um die eigenen „Lügen“, um das, was man sich selber teils massiv „vormacht“ um „richtig“ zu denken, sprich sich den vorliegenden Fakten möglichst offen stellen zu können.

 

Fallen und Verwirrungen in intimen Beziehungen, Eifersucht und Schuld als Verwirrung der Gefühle, Denkfehler und Irrtümer als Verwirrungen des Verstandes, Intrigen und Täuschungen als Verwirrungen von Beziehungen.

 

Wie in diesen Momenten Selbstreflexion, Selbstbewusstsein und Selbstvertrauen aus der „Falle“ heraushelfen können, davon handelt das Buch vordergründig und wie das ganz allgemein auch außerhalb von Beziehungen vonstattengehen kann, davon handelt das Buch im Grundsatz.

 

Was Hantel-Quitmann in Ruhe, sachlich und sehr gründlich (manchmal zu sehr im Detail) angeht.

 

 

Eine interessante, wenn auch nicht einfache, Lektüre.

 

M.Lehmann-Pape 2017