Unionsverlag 2011
Unionsverlag 2011

Òscar Urra – Poker mit Pandora

 

Rettung aus der Mattigkeit des Lebens

 

Nicht nur ein wenig, so richtig matt ist es, das Befinden des Julio Cabrias. Alles so verfahren. Die Finanzen am Ende (was Wunder bei seiner ausgeprägten Neigung zum Glücksspiel), der Spielsucht verfallen, die Stimmung am Boden. Sterben, das scheint nicht nur ein Ausweg, sondern gar das Gebot der Stunde zu sein. Aber bitte auch dies ohne Anstrengung, allzu matt ist der Zustand, um noch Energien zu sammeln. Maximal ein „Herunterrollen“ von einem Hochhaus scheint noch im Rahmen der Möglichkeiten (und der Situation vor allem angemessen) zu sein.

 

Und da der 50jährige Privatdetektiv Julio Cabria es vor allem zu schätzen weiß, „wenn sich das ein aus dem andern folgerichtig ergibt“, schreitet, besser legt er sich hin zur Tat. Unsäglich müde, eine letzte Zigarette schiebt er sich matt noch zwischen die Lippen. Und wird in buchstäblich letzter Sekunde gerettet, eher gestört, durch zwei ungleiche Männer und ein „Angebot, dass er kaum ablehnen kann“. Finanziell taucht Morgenrot am Ende des Tunnels auf und zudem, einige Seiten später, wird deutlich, dass der ihm angetragene Fall durchaus von Interesse sein könnte. Die Suche nach einer jungen Frau, genannt „Pandora“, aufgetragen durch seinen Auftraggeber, einen stadtbekannten Mafiosi. Eine Konstellation, die noch einmal Energie in die Mattigkeit des Lebens zu bringen verspricht.

 

Gemeinsam mit dem Polizisten Melendez, der durchaus ebenfalls in anderer Art unter innerem wie äußerem Druck steht, macht er ich auf in Madrid, gerade an den dunklen Orten, den Spelunken, den Bars, Spuren der geheimnisvollen Pandora zu finden. Und muss sich zugleich damit auseinandersetzten, dass jener Melendez seine „Nachfolge“ bei seiner geschiedenen Ehefrau angetreten hat.

Im Übrigen erfährt Cabria, dass er nicht der erste ist, der sich auf die Spuren der Frau gesetzt hat. Mit wahrlich niederschmetternden Folgen für seine Vorgänger.

 

Sowohl in der Konstellation des Falles als auch im ironisch geschilderten Beziehungsgeflecht der beiden Ermittler liegen damit eine Fülle von Möglichkeiten der Verwirrung, der Sackgassen und der Gefahr bereit. Möglichkeiten, mit denen Urra spielerisch leicht Umgang pflegt und einen Kriminalroman aus einem Guss erschafft, der intelligent angelegt und  unterhaltsam zu lesen ist.

 

Vor allem, als deutlich wird, dass „Pandora“ unter Umständen gar nicht aus Fleisch und Blut besteht und die Gefahren sich nicht nur auf die Madrider Unterwelt beschränken, sondern digital globale Ausmaße annehmen können, ist Urra endgültig im Buch die Verbindung zwischen moderner Lebenswelt und desillusionierten, abgehalfterten Detektiven gelungen. Chandler trifft in Madrid die Gegenwart, in Stil und Anlage trifft dies durchaus zu. Durchwachte Nächte, Kaffe Kannenweise und Zigaretten bis zum Abwinken, zudem die Hilfe seines Bruders, des Pfarrers lassen den immermüden Cabria zum Ende hin nicht nur den Fall lösen, sondern auch für sich selber wieder Perspektiven in den Raum setzen.

 

Das Buch soll den Auftakt einer Reihe um den Privatdetektiv Julio Cabria darstellen und lässt hoffen, dass dies auch der Fall sein Wirt. In Ton und Atmosphäre gelungen setzt Òscar Urra hier eine Figur ganz eigener Prägung lässig, ironisch, matt und müde in den Raum, welcher der Leser gerne durch die Gassen Madrids folgt.

 

M.Lehmann-Pape 2011