Suhrkamp 2013
Suhrkamp 2013

Adrian Mckinty – Der katholische Bulle

 

„Immer unters Auto schauen“

 

In der Regel hat die Konfession eines Ermittlers keine Bedeutung für seine Ermittlungen.

 

Wer nun aber die Handlung seines Romans in das Belfast der frühen 80er Jahre des letzten Jahrhunderts verlegt,  just zu der Zeit, als Papst Johannes Paul II. angeschossen wurde (und an der Belfaster Hausmauer lapidar „Türkei – Vatikan 1:0 erscheint). Wer seine Geschichte genau zu der Zeit ansiedelt, in der Sinn Fein noch als verlängerter Terroristenarm galt, führende IRA Mitglieder im Gefängnis im Hungerstreik sind, Margaret Thatcher eine harte Haltung fährt, die Armee sich auf den Straßen Belfasts täglich erbitterte Schlachten mit der „katholischen“ Seite liefert und selbst ganz normale Polizisten nur schwer gepanzert ihren Ermittlungen nachgehen können, der kann dann auch mit Fug und Recht die religiöse Orientierung seiner Hauptfigur zu einem der wesentlichen Elemente des Romans setzen.

 

Sean Duffy ist katholisch und Polizist. Schon das reicht aus, das auf ihn ein generelles Kopfgeld ausgesetzt ist. Verräter am Glauben und der „Sache der Freiheit“, mehr ist er nicht in den Augen der IRA. Und ebenso ein Paria ist er in Augen der protestantischen Untergrundmiliz. Einer, der gar nicht anders kann, als trocken und hart seinen Weg zu gehen. Einer im Übrigen auch, der sein Haus inmitten des protestantischen Teils von Belfast gekauft hat und auch hier wie auf Eiern sich zu bewegen hat, um nicht den geballten Zorn der protestantischen Nachbarn in an sich bereits aufgeheizter Atmosphäre auf sich zu ziehen.


Da versteht es sich von selbst, dass der erste Blick an jedem Morgen unter den Wagen gleitet um nach Bomben Ausschau zu halten. Und es versteht sich ebenso, dass Strassen mit frisch und neu verlegten Metallplatten über Schlaglöchern grundsätzlich gemieden werden.

 

Ganz nebenbei aber ist der Mann Idealist. Einer, der sich entschieden hat, seinen Teil gegen die völlig aus den Fugen geratene Welt entgegen zu setzen. Und einer, der an einem Tatort einen  Toten mit abgeschnittener Hand findet. Nicht irgendeinen Toten. Ein wichtiger Mann der IRA. Ein Homosexueller in einer Zeit, in der das fast noch schlimmer galt als die falsche Konfession am falschen Ort in sich zu tragen.

 

Hat die IRA den Mann entsorgt ob seiner sexuellen Orientierung? War es ein sexuell motivierter Mord? Was hat das Notenblatt im Anus des Toten zu suchen?

Der Mann wird nicht der einzige Ermordete bleiben, das Notenblatt nicht der einzige Hinweis auf Opern und Duffy tappt lange im Dunkeln, was die wahren Gründe des Mordes angeht.

 

Und was hat zudem der leicht zweifelhafte Selbstmord einer jungen Frau eines IRA Oberen, der sich ebenfalls im Gefängnis in Hungerstreik befindet, mit all dem zu tun?

Tiefer und tiefer dringt Duffy ein in den Fall und sticht in ein Wespennest, der Bedrohung, des Hasses , der geheimen Operationen, die ihm gefährlich nahe rücken werden.

 

Sehr gut trifft McKinty die aufgeheizte Atmosphäre der Stadt in der damaligen Zeit, in der bereits eine normale Ermittlung und Hausdurchsuchung am falschen Ort zum Kleinkrieg werden wird. Eine Zeit, in der Zynismus herrscht, der fast überlebensnotwendig als Haltung bewahrt werden muss. Eine treffende Atmosphäre, in der Mckinty einen durchaus verschachtelten und interessanten Fall ansiedelt.

 

Auch wenn die Auflösung nicht unbedingt für völlige Überraschung sorgt und auch wenn die coolen Sprüche und die brettharten Haltungen auf Dauer ein wenig übertrieben im Vordergrund stehen, bietet der Roman eine durchaus anregende und empfehlenswerte Lektüre.

 

M.Lehmann-Pape 2013