Suhrkamp 2014
Suhrkamp 2014

Adrian McKinty – Die Sirenen von Belfast

 

Lebt von der dichten Atmosphäre

 

Sean Duffy ist wieder hergestellt.

 

Im Dienst und wiederum dabei, jeden Morgen prüfend unter seinen BMW zu schauen.

1982 herrscht Krieg in Belfast. Katholiken (in Form der IRA) gegen Protestanten (in Form der Staatsmacht). Mittlerweile werden ganze Polizeistationen mit Boden-Boden Raketen dem Erdboden gleichgemacht und ständig Quecksilberzünder unter den Autos unliebsamer Personen platziert.

 

Aller Grund zur Vorsicht also für Sean Duffy, der als katholischer Kriminalbeamter der IRA als Verräter ein Dorn im Auge ist und in seinem überwiegend von Protestanten bewohnten Viertel auch nur leise auftreten sollte. Auch wenn er einiges bei den Bewohnern seit den Ereignissen vor ein paar Monaten gut hat.

 

Schlimmer aber als all diese professionelle Anspannung wird in diesem neuen Roman die innere Einsamkeit, das langsame Zerfallen seiner Ideale, die Distanz im privaten Bereich an Duffy nagen.

 

Reichlich  unprätentiös nämlich endet, zumindest zunächst, die im vorigen Band der Reihe aufgebaute Liebesbeziehung zur Pathologin Laura.

Ein erstes Indiz im Übrigen auch, was den Stil McKintys angeht, dass an manche Stellen doch zu lapidar, fast lieblos mit (lange aufgebauten) Handlungssträngen umgegangen wird.

 

Auf dem Hintergrund der Liebe der beiden im letzten Roman und unter welch zusammen schweißenden äußeren Umständen diese entstand, wirkt dieses Ende nicht sonderlich real.

 

Auch „der Fall“, ein aufgefundener, männlicher Torso, für eine unbestimmbare Zeit tiefgefroren, wirkt über weite Strecken des Buches nur sehr am Rande mit.

 

Überwiegend dagegen, und das sehr gut, sehr dicht und sehr überzeugend, führt McKinty den Leser in diese harte Zeit in Irland zurück. Hoffnungslosigkeit, Arbeitslosigkeit, Gewalt, Bürgerkrieg, Attentate an der Tagesordnung, Sirenen allüberall, ein unbeschwertes Leben kaum möglich. Fast riecht man den Rauch der vielen Krater, der dunstigen Luft, spürt die Bedrohung in jeder Gasse im Zuge der häufig auf Polizeifahrzeuge fliegenden Steine.

 

Geschickt baut Mckinty den Unternehmer DeLorean und dessen „irische Geschichte“ mit in die Handlung ein, lässt seine n Protagonisten Duffy das ein oder andere Auge auf attraktive Frauen werfen, wie McKinty überhaupt diesen Sean Duffy sehr gründlich, sehr intensiv und in die Tiefe gehend als Person auslotet.

Um in ihm die Verhältnisse innerlich widerzuspiegeln. Auch das gelingt hervorragend. Diese einsamen Abende mit chinesischem Fast Food, Whisky und einer schier unerschöpflichen Sammlung an Schallplatten, innerlich wie ausgehungert nach Leben, nach Lust,  nach Berührung, äußerlich cool, hart, konsequent.

 

 

Auch wenn der eigentliche Fall erst im überzeugend und spannend geratenen Finale des Romans zum Tragen kommt (in dem der Autor Freund und Feind, wie gewohnt, nicht schont), bietet McKinty ein ganz besonderes, atmosphärisch sehr dichtes Leseerlebnis, welches das Lesen durchaus lohnt.

 

M.Lehmann-Pape 2014