Suhrkamp 2015
Suhrkamp 2015

Adrian McKinty – Die verlorenen Schwestern

 

Hervorragender Thriller

 

Sean Duffy ist und bleibt eine Provokation.

 

Für die Welt in Irland im Jahre 1983 als katholischer „Bulle“ in Diensten einer britisch gesteuerten Polizei. Nicht umsonst hat er sich antrainiert, bei jedem Einsteigen in seinen BMW vorher den Wagen auf Bomben hin zu untersuchen.

 

Eine Provokation aber auch für Teile seiner Vorgesetzten, denn nicht nur, das Duffy einem guten Joint nicht unbedingt abgeneigt gegenübersteht, vor allem ist er einer, der nicht locker lässt, wenn er erst einmal in einem Fall steckt. Und dabei auch vor prominenten Namen keinen Rückzieher machen würde.

 

Gerade hat er es einigermaßen geschafft, mit seinem engsten Kollegenkreis ein Verhältnis aufzubauen (Vorurteile gelten nicht nur von katholischer Seite her gegen „Bullen“, sondern auch von überwiegend protestantischen Kollegen gegen „Papisten“), da wird ihm sein letzter Fall doch noch zum Verhängnis.


Geschickt eingefädelt wird er des Dienstes enthoben, degradiert, abgeschoben.

 

Zugleich erlebt „Maze“, das Gefängnis für IRA Mitglieder, einen Massenausbruch. Und einer der Entkommenen stellt für die britische Regierung ein echtes Problem dar. Einer, mit dem Duffy zu Schulzeiten Kontakt hatte. In dessen Umfeld er selbst den „Blutigen Sonntag“ miterlebt hat. Dessen Familie er kennt. Und dessen Gefährlichkeit Duffy durchaus einschätzen kann.

 

Der Geheimdienst tritt an Duffy heran und bietet einen Deal an. Rehabilitation und eine dienstliche Freikarte, wenn Duffy Dermon McCann aufspürt.

 

Der Beginn einer gefährlichen Ermittlung. Und eines weiteren „Geschäftes“. Denn es gibt jemanden, der bereit wäre, McCann zu verraten. Aber das hat seinen Preis. Erst wenn Duffy einen sehr persönlichen Fall, einen alten Mord aufklärt, wird er Informationen erhalten.

 

So sind es im Kern zwei Fälle, die McKinty im Thriller ausbreitet, die beide je für sich vertrackt und gefährlich für Duffy werden. Wie kann ein Mord in einem von Innen verriegelten Raum geschehen sein? Das muss doch ein Unfall gewesen sein, oder?

 

Und wie kann Duffy an einen weit vorausplanenden, sehr erfahrenen Terroristen herankommen, der als Fachmann für Sprengstoff seinen langsam verblassenden Namen in der IRA zu neuem Glanz führen will?

 

Harte Szenen warten dabei zum Ende hin auf den Leser und so trocken-sympathisch Duffy zu  wirken versteht (gerade in der Gegenwart von Frauen), wenn es darauf ankommt, der Gerechtigkeit Genüge zu tun sind da wenig moralische Schranken im „katholischen Bullen“, vor allem, wenn er selber angegriffen wird.

 

Das alles bettet Mckinty, gewohnt intensiv, ein in die bürgerkriegsähnlichen Zustände im Belfast jener Jahre, die ständige Unsicherheit, die ständige Bedrohung, die ständigen Anschläge (eine starke Szene beschreibt die Wirkung einer Bombe auf ein Polizeirevier). Die Verluste auf allen Seiten, den Fanatismus und, daneben, die kleinen Pflanzen von Beziehungen und Hoffnungen, die in der bombenkraterumsäumten Welt dennoch entstehen.

 

Hart, klar, atmosphärisch dicht, mit genügend „Rätseln“ für den Leser, sich an den Fällen den Kopf mit zu zermartern und im Blick auf einen Mann, der sich in einer zerstörten und sich zerstörenden Welt bewegt, ohne zu resignieren, liefert McKinty wieder einen überzeugenden Thriller, der das Lesen überaus lohnt.

 

Wobei die Befürchtung am Ende entstehen könnte, dass McKinty seinen „Duffy“ auserzählt hat. Was abzuwarten bleibt.


M.Lehmann-Pape 2015